offener brief an
andreas durisch, chefredaktor der sonntagszeitung
sehr geehrter herr durisch
ich protestiere hiermit gegen ihren ungehobelten jungspund david bauer, der heute in der sonntagszeitung zum zweiten mal schweizer blogs aufs unmöglichste diffamiert hat. nicht nur meine wenigkeit, sondern auch renommierte und anerkannt seriös arbeitende blogger wie z.b. claude longchamp, ruedi baumann, ralph beyeler, andré marty, andreas göldi, u.v.a.
dass david bauer uns heute mit einem obskuren anonymen zitat in die ecke eines diktatorisch gesinntchen trüppchens rückt, ist in den beiden artikeln nur ein journalistischer ausrutscher unter vielen. im satz davor mokiert er sich z.b. über die anonymität einiger kommentatoren im netz, greift dann aber gleich selber in diese höchst boulevardeske dilettantentrickkiste und zitiert einen nichtgenanntseinwollenden, also ebenfalls anonymen blogger, mit diesem unsäglich läppischen diktaturvergleich. das ist stilistisch und argumentativ ein unglaublicher spagat und hat mit journalistischem handwerk nichts zu tun.
insbesondere auch darum nicht, weil im duktus des betreffenden zitats ("die blogosphäre trägt züge einer diktatur der masse …") der verdacht nahe liegt, dass dieser blogger oliver reichenstein heissen könnte, ebenfalls für tamedia tätig und auf facts.ch unüberlesbar als chefpolterer gegen schweizer blogs bekannt (und dort u.a. als cheftechniker für die bespitzelung der user zuständig).
besonders störend ist zudem der umstand, dass herr bauer selber ein blogger ist, dies aber in keiner zeile erwähnt. das ist ja, als ob beni thurnheer der eigner des fussballklubs wäre, dessen match er gerade kommentiert. die stillschweigende annahme der sonntagszeitung, dass hier KEIN interessenkonflikt vorliegt, ist bedenklich. eine disclosure wäre nichts als billig gewesen. schon mal was vom code of conduct gehört?
journalistisch unsauber ist es zudem, mit ronnie grob nun schon zum zweiten mal einen blogger zu zitieren, der als gelegentlicher mitarbeiter der sonntagszeitung hier einfach der falsche auskunftgeber ist. das ist interessenkonflikt nummero zwei. sehr unsauber.
weiter unterstellt uns herr bauer:
Wer den Einwurf der SonntagsZeitung zur Diskussion annahm oder ihm gar teilweise zustimmte, geriet selber unter Beschuss. In Kommentaren und auf der Kurznachrichtenplattform Twitter wurden diese Blogger aus den eigenen Reihen zurechtgewiesen.
ich habe diese diskussion auch auf allen kanälen mitverfolgt und kann mich nicht erinnern, solche zurechtweisungen gelesen zu haben. bis sie mir die entsprechenden links liefern, möchte ich auch diese behauptung (und insbesondere deren gewichtung) als frei erfunden resp. extrem überzeichnet bezeichnen.
dann muss man auch feststellen, dass bauers fachliche einschätzung von blogs, ausgedrückt in seiner forderung, blogs müssten a) themen setzen, b) reichweiten erzielen und c) die grossen inputgeber markieren, völlig an der intention des web 2.0 und seiner königsdisziplin (bloggen) vorbeigeht. nur die allerwenigsten blogger haben solche ziele, fast allen genügt es vollauf, sich in ihrem kleinen und überschaubaren leserkreis zu bewegen. insgesamt also eine eher tendentiöse bewertung der dinge.
ausserdem verkennt bauer in demagogischer weise die tatsächliche aussenwirkung von etlichen dutzend gut geführten schweizer blogs. so hat sich zum beispiel der 30jährige langenthaler stadtrat reto müller zum beliebtesten männlichen politiker seiner heimatstadt hochgebloggt (als sp-ler, notabene). zweites beispiel, von bruder bernhard hier erwähnt: … erst vor wenigen Wochen musste die Stadtregierung von La Chaux-de-Fonds eines Blogs wegen einen peinlichen Rückzieher in der Museumsaffäre machen.
solche beispiele gibt es in der schweizer blogszene gerade in den letzten ein zwei jahren zuhauf und da ist es hochgradig unseriös und tendentiös, von einer quasi gänzlich fehlenden aussenwirkung von schweizer blogs zu reden. blogs entfalten ihre wirkung vorwiegend in einem lokalen oder persönlichen oder thematischen mikrokosmos, dort aber können sie etwas bewegen, nicht die welt, aber ein stück von ihr. die bauersche these, dieses stück sei = null ist so falsch wie arrogant.
man wird den eindruck nicht los, dass jungkarrierist bauer die kommentarschlachten bei facts 2.0 im frühsommer 08 (wo er mal spielleiter für das eurodings war) noch nicht ganz verdaut hat – und jetzt in seiner neuen position als redaktor im multimediabund der sonntagszeitung die ganz grosse bühne gefunden hat, sich zu revanchieren und die schweizer blogs per se grossflächig in die pfanne zu hauen. insofern der falsche mann für eine solche story, weil befangen.
ich erwähne es nocheinmal, er sagt das alles eigentlich als ein blogger, der selbst das beste beispiel dafür ist, dass schweizer blogs durchaus eine aussenwirkung haben. herr bauer redet schon im juni 2007 (schon damals sekundiert vom schon damals etwas quotengeilen chefeinflüsterer oliver reichenstein) von stattlichen 600 besuchern pro tag und 2'500 registrierten usern. ist doch toll. was will david bauer also den lesern der sonntagszeitung mit seinem pauschalisierten bloggerbashing eigentlich sagen? und warum vergleicht herr bauer die hiesige szene mit der us amerikanischen, was ein demoskopischer fehltritt auf ganz tiefem niveau ist? man wird ebensowenig die sonntagszeitung mit der sonntagsausgabe der new york times vergleichen wollen.
alles in allem ist die bauersche pauschaldiffamierung der schweizer blogszene ein machwerk, das jegliche journalistische standards unterspült. und dies in guter alter sonntagszeitungstradition: schon das frühwerk in dieser causa, damals zusammenpolemisiert von barnaby skinner, war von dieser machart.
darum, sehr geehrter herr durisch, die frage: was soll das? warum basht die sonntagszeitung schweizer blogs wie kein anderes blatt es sonst tut? haben sie eine strategie? ausser der, sich mit solchem journalistischen billigpersonal selber zu demontieren?
ihrer geschätzten antwort entgegensehend
beste grüsse aus den berner voralpen
christian röthlisberger aka dr. bugsierer
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