30. Oktober 2008

man on wire: philippe petit


er ist einer der genialsten künstler der gegenwart: philippe petit, ein begnadeter seiltänzer, eine lebende legende, ein revolutionär der lüfte. jetzt kommt sein grösster coup in die kinos: ein ilegaler seillauf von 1974 zwischen den twin towers in new york.

ilegal heisst: unbemerkt auf die türme schleichen, eine seilanlage (1 tonne gewicht) reinschmuggeln, installieren (über nacht) und dann drüberlaufen (417 m höhe, ungesichert). das alles bevor dich die polizei verhaftet. – unmöglich, denkt man.

petit bereitete sich sechs jahre auf diesen ilegalen wahnsinnslauf vor. noch während dem bau der twin towers recherchierte er, wie er das seil unbemerkt nach oben bringen und wo resp. wie er es verankern kann. er schaffte es sogar, sich als journalist auszugeben und den bauleiter der twin towers zu statischen details zu interviewen. zudem galt es, eine tonne material unbemerkt auf die dächer zwei der bestbewachten gebäude der welt zu bringen.

1974 war es soweit. petit schlich sich zusammen mit sechs kumpels, verkleidet als delivery mens und mit gefälschten ausweisen, in das gebäude. erst lange nach einbruch der dunkelheit konnten sie mit der montage der seilanlage beginnen. zuerst wurde mit pfeil und bogen ein dünnes und leichtes seil von einem turm zum andern geschossen. daran zogen sie das stahlseil in die gegenrichtung und fixierten es. darüber hinaus waren vier abseglungen anzubringen, die normalerweise am boden verankert werden.

hier ein einduck vom "gelände", mit dem sie es zu tun hatten:


und hier eine skizze, wie seil und abseglungen anzubringen waren:


mit anderen worten: eine mehrstündige kletter- und montageaktion am rand der 417 meter hohen towers. das war sicher kein schleck.

petit lief nach einer langen und anstrengenden nacht morgens kurz nach 7 uhr sechs mal zwischen den türmen hin und her, er brauchte dafür 45 minuten. selbstverständlich nicht ohne auf dem seil abzusitzen, sich hinzulegen, darauf zu knien und einbeinig zu stehen (der zweite fuss liegt an der wade) – den standardfiguren der gehobenen hochseilkunst. selbstverständlich ungesichert.

tausende von menschen im finanzdistrikt, auf dem weg in die büros, schauten zu. die weltpresse war vor ort, radiostationen berichteten live (hier ein tondokument hören).

am ende seines legendären auftritts wurde petit verhaftet und später vor gericht gestellt. wegen der enormen publizität und seiner aussergewöhnlichen, weltweit anerkannten leistung wurde er lediglich zu einer gratisvorstellung für new yorks kinder verurteilt – die er im central park mit einem seillauf über den belvedere lake einlöste.

petit hat sein kunstwerk auch signiert:


dem genialen twin tower frühwerk gingen zwei weitere spektakuläre und ilegale läufe voran:

1971 zwischen den türmen der kathedrale notre dame in paris:



und 1973 über die sydney harbour bridge (der kleine punkt zwischen den türmen):



schrägseil zum eiffelturm

ein verrückter, dachten wohl die behörden von paris, als petit um eine bewilligung für einen schrägseillauf auf die zweite etage des eiffelturms bat. über 15 jahre kämpfte er dafür. immer wieder krebsten die behörden unter fadenscheinigen vorwänden zurück, obwohl petit alle technischen anforderungen für die ca. 800 m lange seilanlage erfüllte und bis hinters koma beweisen konnte, dass dem guten alten turm kein noch so kleines teil gekrümmt wird und statisch alles im grünen bereich liegt.

es klappte dann 1989. unter dem damaligen bürgermeister jacques chirac und zum 200. geburtstag der deklaration der menschenrechte.


das schrägseil ist sozusagen die königsdisziplin der seiltänzer, weil der artist dabei die knie beugen muss, was die haltung des gleichgewichts enorm kompliziert.

petits seillauf zum eiffelturm (2. etage, 800 m distanz, ca. 1 stunde) wurde von 250'000 menschen bestaunt und von der weltpresse gefeiert. er hat das projekt (und andere) in seinem eindringlichen buch "über mir der offene himmel" beschrieben – radikal, philosophisch, poetisch.

es beginnt so:


petit publiziert in diesem buch auch seine fantastischen regie-skizzen:


auch in der schweiz hat philippe petit ende der 70er einen hochseillauf gemacht und zwar im rahmen eines workshops an der scuola teatro dimitri in verscio/tessin. er lief über die maggia (vielleicht war es auch ein anderer fluss), über mehrere hundert meter distanz.

neben seinen spektakulären ilegalen seilläufen trat petit immer wieder an grossen und aussergewöhnlichen events auf. so z.b.:

- 1975 zur eröffnung des superdome in louisiana, dem damals grössten gedeckten stadion der welt.
- 1986 zur wiedereröffnung der renovierten freiheitsstatue in new york.
- 1991: VIENNALEWALK (Austria) High wire performance evoking the history of cinema for the opening of the Vienna International Film Festival under the direction of Werner Herzog.
- 2002 spazierte er für david letterman über den broadway

aktuell plant der 59jährige ausnahmeartist gerade seilläufe über die bucht von sydney, über die vulkanischen landschaften der osterinseln (als hommage an die rapa nui und ihre gigantischen steinstatuen) und einen gang über den little colorado river, 1200 fuss weit, 1600 hoch.

neben diesen grossereignissen – sie sind mit immensem technischen und logistischem aufwand verbunden – tritt philippe petit immer noch und immer wieder spontan in parks auf. in grundsolider komödiantenmanier spannt er ein schlappseil zwischen baum und kandelaber, zeigt eine kleine soloshow, geht mit dem hut herum und verschwindet wieder. viele seiner zuschauer wissen gar nicht, was für einem crack sie da zuschauen.

hier ein video von einem solchen auftritt:



der twin towers dokumentar-krimi man on wire kommt demnächst in die kinos. hier schon mal der trailer:



und eine schöne fotostrecke gibts hier.

bildquellen: die hier verwendeten bilder schwirren wild im netz herum, wir danken den autoren ;-)

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update 4.1.09: der film startet in der deutschschweiz am 12.3.09 > cineman.ch
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Kommentare:

  1. Grossartiger Artikel. Warum bist Du eigentlich nicht Onlinejournalist (z.B. nicht bei newsnetz)?

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  2. @ pertor: ich habe deinen kommentar gelöscht. rumnölen kannst du hier vergessen.

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  3. @ flughund: danke für die blumen. – als flexibler texter sollte man auch dieses genre beherrschen, finde ich. wer nur dieses beherrscht, hat nicht mehr viel zu lachen. beim newsnetz erst recht nicht.

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