12. Oktober 2008

finanz 9/11: fragmentarisch rumdenken


mehr als ein bisschen fragmentarisch rumdenken zu diesem finanz 9/11 kann man ja nicht. zu volatil das alles. die nachrichten von soeben sind grad mal so relevant wie noch kürzlich die zeitung von vorgestern. verschiedene online medien haben auf die irre newskadenz an den zusammenbrechenden finanzmärkten reagiert und sog. krisenticker installiert. wie an sportveranstaltungen, wo die lage minütlich ändert. cool. ich schlage "krisenticker" zum wort des jahres vor.

als im oktober 1991 die spar und leihkasse in thun hopps ging, sinnigerweise auch im zuge einer immobilienkrise, ging ein beben durchs berner oberland, ein zittern durch die schweiz und ein raunen durch die weltmedien. damals standen die sparer auch in thun schlange vor den bankschaltern, wollten ihr geld und kriegten es nicht.

ein image gau für das hiesige bankwesen. man stand kopfschüttelnd und sprachlos vor ausgerechnet dem fiasko, das man gerade in der schweiz nie für möglich gehalten hätte. dass hier eine bank hopps gehen könnte, war schlicht nicht vorstellbar. hier nicht. man kann schliesslich auch das matterhorn nicht verschieben. unmöglich.

heute machen uns die geldsäcke geschossartig klar: thun war nur ein lauer wellnesskonkurs. heute crashen weltbanken und der rest der finanzindustrie wird gerade irgendwie verstaatlicht. innert tagen. falls die akut geforderten kleinstaaten nicht auch schon pleite sind, wie gerade island. wir erleben gerade weltgeschichte. wie toll.

im tagesanzeiger ein grosses interview mit 2 psychiatern. endlich mal ein anderer blickwinkel. tenor: die psychiatrischen dienste werden von bankern überrannt. ähnlich wie die edelnutten. gestrandete aus der finanzindustrie stürmen an beiden orten die sprechstunden. die zürcher ärzte betonen allerdings:

Es ist nicht die primäre Aufgabe der Psychiatrie, das Vertrauen in die Wirtschaft wiederherzustellen.

das leuchtet ein. trotzdem, dr. hättenschwiler dröselt auf, was in den finanzwirrköpfen gerade abgeht:

Der Mensch hat ein Angsthirn, und er hat ein Vernunfthirn. Unter normalen Umständen dominiert das Vernunfthirn das Angsthirn. Dann denken wir ruhig und handeln rational. Geschieht etwas Bedrohliches, schaltet sich jedoch das Angsthirn ein, mit der Folge, dass wir unter Umständen nicht mehr vernünftig denken können. Dann gibt es nur noch zwei Reflexe: Fliehen oder Kämpfen. Das Beruhigende ist: Panikreaktionen gehen vorbei, selbst wenn die Bedrohung sich nicht so rasch verzieht. Es gehört zu den Fähigkeiten der menschlichen Psyche, dass sie sich an Bedrohungen anpassen kann. Wenn Sie also nach einem Ratschlag fragen: Abwarten und den Kopf abkühlen lassen.

und:

Je ausgeprägter das Gefühl von Machtlosigkeit, umso grösser die Ängste. Hinzu kommt: Die meisten Leute verstehen nicht, was passiert. Zudem erhalten sie den Eindruck, dass selbst die Experten nicht mehr begreifen, was vor sich geht. Und was man nicht begreift, macht eben Angst.

soweit die herren psychiater. – hey, politiker, hier müsst ihr nachlegen, investieren, das schlimmste abfedern. sonst laufen euch die verwirrten geldsäcke aus dem ruder. (und überhaupt: die psychiatrischen dienste laufen eh schon seit jahren mit rasant steigenden frequenzen am limit. tut was, ihr schlaftabletten.)

tja, politiker sein möchte man in diesen trüben tagen schon gar nicht. meine güte – was für gigantische ideologische verrenkungen, die sich die meisten politker zu machen grad gezwungen sehen, kriegen wir da zu sehen. der hammer. da gibts für die psychiatrie sicher auch noch ein paar neukunden. so ist etwa der chef der kantonalen finanzdirektoren, christian wanner, quasi schon am rand der einlieferung. – im tagi interview sagt er:

Ich persönlich verspreche, das Beste zu geben, dass weder Sparguthaben noch Arbeitsplätze verloren gehen. Alle andern müssten dies ebenfalls versprechen. Das mag nicht nach sehr viel tönen. Aber derzeit weiss ich nichts Besseres.

aber ich, herr wanner: kaufen sie socken. am besten die hier:



sie erinnern sich an den swissair crash? soweit ich mich erinnere, hat der die kleinigkeit von irgendwas um 1 millarde gekostet. ein trinkgeld im vergleich zu den hunderten von milliarden, die heute auch in der schweiz zur disposition stehen. allein die stadt zürich rechnet wegen dem finanzcrash schon für 2008 mit 400 mio. weniger steuereinnahmen. ähnlich wird es andere städte treffen, die am tropf der geldsäcke hängen. tschüss kantonaler finanzausgleich, sagt herr wanner zwischen den zeilen.

alle am limit irgendwie. und die leidige schuldfrage steht auch noch latent im raum. man ist geneigt, jeden nachbarn, jeden arbeitskollegen, jeden kumpel, der an der börse gerade viel geld verliert, in sippenhaft zu nehmen. kann man das? oder sind das nur ahnungslose pechvögel, die nix anderes als die andern gemacht haben – nämlich den falschen geldsäcken vertraut. das ist kein verbrechen. aber sozialer sprengstoff, wie die oben erwähnten psychiater betonen.

nun, es ist klar, die politiker und die geldsäcke sind die verbrecher. sie haben den ganzen salat mit ihrer grenzenlosen und obszönen gier nach macht und geld schliesslich angezettelt. wider besseres wissen, sie waren gewarnt (wie übrigens bei den meisten anderen krisen auch). sie gehören zur rechenschaft gezogen.

ihr gebahren ist ja sehr bizarr. es kulminiert derzeit im wüstenstaat dubai. daniel binswanger im magazin:

Beelendend ist nur schon, wenn man sich die Ödnis des vermeintlichen Luxus-Biotops zu Gemüte führt, das im Wüstensand den neuen Standard für die Bedürfnisse der Superreichen setzen soll. Dubais Beitrag zur modernen Urbanität ist eine endlose Liste absurder Superlative: Wie viel Blattgold pro Luxussuite verbaut wurde, mit wie viel 1000 Dollar eine Hotelnacht zu Buche schlägt, wie tief ins Meer hinunter oder wie hoch in den Himmel hinauf Gastro-Restaurants oder Vergnügungsparks neuerdings gebaut werden können. Die Vorstellung, die globale Reichtumselite sei so unbedarft geworden, dass sie sich von diesen vollklimatisierten Retorten tatsächlich verführen lässt, ist als solche schon ein Albtraum.

dem möchte man anfügen: die geldsäcke in st. moritz und wollerau sind keinen deut besser.

die wortschöpfung finanz 9/11 wäre ebenfalls ein taugliches wort des jahres. was hat man sich darunter vorzustellen? nun, das in unsere köpfe eingeätzte sinnbild von 9/11 sind die einstürzenden twin towers. dramatisch zeitlupig fielen sie in sich zusammen. stockhausen sprach vom grössten kunstwerk der welt (und seine plattenverkäufe schnellten in die höhe).

finanz 9/11 meint mit dem sinnbild des einsturzes: wir kriegen eine art bankenfreie zone. bald besteht das ganze bankwesen nur noch aus einer simplen open source software, die geld rumschiebt und erspartes verzinst. der rest von all den obskuren finanzdienstleistungen ist im oktober 08 obsolet geworden. und mit ihm vieles anderes im wirtschaftlichen gefüge dieser welt. es muss alles neuaufgegleist werden. zurück auf anfang.

investieren sie in solarenergie. soll 10% rendite bringen.

oder in socken, am besten hier:

Kommentare:

  1. toller beitrag! nur die socken sind fehl am platz.

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  2. muss mich meinem vorredner in diesem punkt voll und ganz anschliessen. 1. weil es den premium-content hier abwertet, und 2. weil man in krisenzeiten keine banker-socken kauft, sondern höchstens socken stopft. ein hinweis auf ein gutes strickblog wäre in diesem zusammenhang also weitaus passender...

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  3. war mir schon klar, dass einige keine-werbung-in-blogs-fundis vor lauter ideologie die ironie nicht mehr sehen.

    und überhaupt: black socks sind ein klasse produkt, top qualität, angemessener preis, sie werden nicht in asien, sondern in norditalien hergestellt, ein innovatives und erfolgreichen schweizer kleinunternehmen. und der erste black socks abonnent, den ich kannte, war kein banker, sondern ein bauarbeiter, der zweite ein pfarrer. und falls die hausliefferung der socken die bankerattitüde ausmacht, dann ist jede hausgelieferte pizza eine bankerpizza. und an der hauptversammlung der metzgerinnung muss ab sofort immer auch ein vegetarier reden. supi.

    sockenstopfblogs kennen wir hier auf dem land überhaupt nicht. hier können die frauen das einfach so und machen es trotzdem nicht. henusode.

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  4. hihi, ich bin weniger ein "keine-werbung-in-blogs-fundi", sondern höchstens ein "werbung-und-content-trenn-fundi". also quasi ein content-taliban. ;-)

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  5. content-taliban... haha... sehr gut. okay, ich gebe zu, der pfarrer war geschummelt. es war der barkeeper.

    betr. werbung im content hast du natürlich recht. ziemlich unverschämt. aber nicht anders als bei den "grossen". hier nur ein wenig eleganter gemacht, finde ich. kleinbetrieb halt. hier kocht der chef. man muss vorwärts schauen. innovieren. werbung directly im content macht ja sonst noch niemand. jedenfalls in schweizer blogs habe ich das so noch nie gesehen.

    und der buzz von euch content fundis ist mir noch so recht. hauptsache, ihr schreibt meinen namen richtig (alte hollywood regel).

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