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6. April 2008

neue worte – part1: die polemische liste


die flut von neuen worten ist gigantisch. bei vielen fragt man sich, was eigentlich gemeint ist. andere entlarven den untergeschobenen kontent als leeres geschwurbel. eine aktuelle auswahl der letzte fünf tage.

identitätsmanagement

alles wird gemanagt heute. sogar das ich. ob das geht? keine ahnung. das trendbüro hamburg meint ja. und präsentiert seine website seit neuestem als blog. interessant, eine völlig neue online-identität für das renommierte haus. peter turi sagte mal irgendwo: die website der zukunft wird ein blog sein.

datendrosselung

der digitale speed nimmt laufend zu. in wenigen jahren wird die schweiz verglaskabelt sein. dagegen ist highspeed von heute ein limitierter kindergarden. in dem offenbar gewisse datendurchsätze gedrosselt werden. der standard im web lautete bisher: gleiches tempo für alle.
darum ist die datendrosselung ein schreckliches szenario: wer mehr zahlt, kriegt die schnellere leitung. soll heute schon praktiziert werden, sagen die einen. die anderen sagen: stimmt nicht, die kapazitäten werden laufend erhöht, das angebot ist grösser als die nachfrage, die preise für bandbreiten fallen. an der verkabelung des weltweiten netzes sind so viele player beteiligt, dass eine flächendeckende datendrosselung nicht durchsetzbar ist. hoffen wir das beste.

fahrpreishinterziehung
bei diesem wort hat man den eindruck, es sei von einem pr-büro erfunden worden. ob das wort den tatbestand vom schwarzfahren eher beschönigen oder eher kriminalisieren will, ist allerdings – wenn es für sich allein dasteht – schwer zu erkennen. wobei: solche semantischen haarspaltereien sind ja gerade ein heisses thema, sie wissen schon, steuerhinterziehung ist nicht so schlimm wie steuerbetrug. vermutlich ist dann nur langjährig notorisches schwarzfahren auch wirklich fahrpreisbetrug. als variante wäre auch das wort "mobilitätserschleichung" denkbar. der vcs könnte damit z.b. das schwarzfahren schönreden.


artikelruinen

ein wunderbares neues wort, denn von denen gibts ja wirklich viele. und jetzt wissen wir endlich, wie sie heissen. ein gutes feeling.


interaktionsleiterin

das pendant im realen leben ist der bandleader oder sonstwie der scheff. der kapitän eines schiffs oder einer fussballmannschaft. der regisseur oder der abteilungsleiter. – jetzt also die fokussierung auf das eine, auf die interaktion. was für ein irrtum. die interaktionsfähigkeiten von z.b. miles davis waren legendär. seine bandproben bestanden aus tagelangen ess- und trinkgelagen, auf der bühne oder im studio wurde dann improvisiert resp. eben interagiert. aber ohne sein musikalisches genie wäre seine qualität als interaktionsleiter schlicht nicht vorhanden gewesen. insofern möchte man bezweifeln, dass der beruf der interaktionsleiterin wirklich sinnvoll ist.


diskursfeld

vermutlich ist hier ein feld voller worte gemeint. irgendwas symbolisches halt. gefunden im titel eines blogposts von einem sehr theoretisch orientierten blogger, abteilung fachhochschule. klar, man kann neue worte erfinden oder situativ auch den semantischen freejazz anwerfen. aber dieses wort ist nicht erlaubt, irgendwie. diskursfeld. und auch noch im titel. ich finde, blogger sollten sich viel mehr mühe geben mit den titeln, vorerst. schon ein kurzer blick in die entsprechende wikipedia seite zeigt: diese neuschöpfung geht nicht. ausser vielleicht in einem satirischen kontext, der aber hier nicht in aussicht stand, im gegenteil, es war ihm ernst. und nicht nur ihm.


gouvernementalitäts-diskurs

schon wieder der diskurs. aber jetzt mal der reihe nach: diskurs über die gouvernementalität. gouvernementalität? aha ja, regierungskunst. ein gespräch über regierungskunst also. tja, wenn das so ist, dann merken wir ja sofort, dass das ein hochbrisantes thema ist. ob tibet oder toni brunner – alle werkeln sie auf ihre art an der regierungskunst herum. die ausbürgerung – auch so ein wort – von frau widmer-schlumpf aus der svp ist also eine art gouvernemantalitäts-diskurs. henusode.

episkopallektüre

ein hammerwort. echt. der reiz solcher wörter besteht vor allem darin, dass man die eine hälfte versteht und die andere nicht. der reflex, den solche wörter dann auslösen, heisst wikipedia. hier wird es aber noch nicht geführt resp. erklärt. die sehr praktische suchfunktion bei google "define: episkopal" bingt dann die antwort: governed by bishops. episkopale systeme sind das gegenteil von synodalen sysemen (einer art kirchenparlament). episkopallektüre ist also eine art businessplan der bischöfe? oder eher der geschäftsbericht? nun ja, hauptsache dass. oder?

nachhaltigkeits-charta

das muss ein reizwort sein für konservativlinge. die erste hälfte hat ja zwar hochkonjunktur wie kaum ein zweites wort. nachhaltigkeit ist mittlerweile von ganz links bis ganz rechts voll und unwidersprochen angekommen, ja sogar unverzichtbarer bestandteil von jedwelcher aussage. was nicht im weitesten sinn als nachhaltig bezeichnet werden kann, hat im öffentlichen diskurs nichts verloren. rauchen z.b. ist überhaupt nicht nachhaltig und wird deshalb grossflächig verboten. was ich bizarr finde, nebenbei.
nachhaltigkeit ist das allerhöchste, aber wer es noch höher möchte, pappt einfach noch eine charta dazu. die wird von teuren textern formuliert, von teuren gremien durchgewinkt, von teuren copy-paste-journis verbreitet und von teuren archivaren im keller versenkt. nur: der begriff der nachhaltigkeit ist schon für sich alleine eine art charta. erfunden wurde er nämlich in der forstwirtschaft und meinte nichts weiter als wir schlagen nicht mehr bäume aus dem wald als nachwachsen kann.
könnte man, ehrlich gesagt, alles auch irgendwie opensourcemässig hinkriegen, aber das haben sie noch nicht gemerkt und schliesslich hat ja so die ganze medienbranche gut zu tun, man muss das auch so sehen, das ist auch nachhaltig, erst recht mitten in der laufenden medienkrise.

verospeln
nicht mehr so neu, dieses wort, aber sicher die hoffnungsvollste neuschöpfung der saison. in diesen volatilen tagen jedenfalls dürften mehr oder weniger alle schweizer wissen, was das ist, wenn man sich verospelt.
ob das wort sich langfristig im mainstream durchsetzen kann, bleibt offen.
für unsere deutschen und österreichischen leserinnen die geschichte dahinter: herr marcel ospel war der clevere architekt und big boss der weltberühmten ubs, der schweizer bank mit den weltweit höchsten abschreibern auf subprime wetten. da sich herr ospel auf diesen papieren wie kaum ein zweiter verspekuliert hat, reden wir hier bei ähnlichen ereignisen von "sich verospeln" oder gar "es ist verospelt" im sinne von "niemand hat den durchblick".
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25. Mai 2007

doping in anderen branchen


wirklich nicht schlecht,
was da im moment gegeben wird im rad- und spritzensport. jetzt hat auch ullrichs edelhelfer udo bölts doping gestanden. der grösste frust ist ja zabel. ausgerechnet zabel. ein glück nur, dass er den dope nicht vertragen hat und schon nach einer woche aufhörte damit. sowas ähnliches ist mir als 20-jähriger mit tequilla passiert.

dass das ganze radbusiness ein riesiger dopingsumpf ist, weiss nun mittlerweile jeder. aber wie stehts in anderen branchen? kunst zum beispiel? boomt ja gegenwärtig grandios und da hört man ja einiges. wie hiess noch gleich der professor mit den 14 huren und einem meissner-schälchen koks in der hotel-suite? egal. showbusiness? da kenn ich mich ein wenig aus – drogenfreie künstler sind eine minderheit, würd ich mal sagen. wie war das mit den betablockern bei orchestermusikern in der klassikszene? mit dem alkohol in der jazzszene und vielen anderen musikgenres? und mit dem kokain? kokain stärkt bekanntlich das selbstwertgefühl, ist also ideal für leute, die "hinstehen" müssen, ob auf einer bühne oder dem (börsen-)parkett.

würde man den kokain-nachschub stoppen, würden also noch ganz andere branchen wie die musikszene einknicken. wenn man im facts oder sonstwo über die zürcher kokain-szene liest, dann wird da immer auch die junge bankerszene erwähnt. man hat manchmal das gefühl, unsere gesamte finanzindustrie werde von ein paar tausend näselern gemanagt. das ist natürlich quatsch. dennoch, mir sagte mal ein arzt: würde man den valium-nachschub von heute auf morgen stoppen, so würde in einer woche das grosse chaos losgehen. gar nicht auszudenken was passieren würde, wenn man gleichzeitig auch noch das coci ausgehen lassen würde.

den kokainkonsum einer stadt kann man ja heute genau messen. forscher der uni nürnberg haben das auch in st. moritz getan, über die festtage vom letzten winter. resultat: von 17 stichproben in st. moritzer clubs waren 17 positiv. man hat auch das abwasser untersucht, in dem kokain (via urinausscheidungen) mengenmässig nachgewiesen kann. die werte im engadin waren die höchsten, die je in der schweiz gemeseen wurden. der st. moritzer tourismus-direktor danuser meinte dazu in einem zdf-filmchen, wenn die gesamte haute-volée von zürich, münchen und mailand da sei, sei es normal, dass die werte etwas höher ausfielen.

etwas höher? normal? haute-volée? also auch die kinder von bundesräten oder philosophen? die erben von landeswichtigen wirtschaftsdynastien? – fröstel ...

das drama im velobusiness ähnelt ein wenig der unsäglichen raucherhatz: man stellt das eine in den senkel, um mit allem anderen seelenruhig weitermachen zu können. wenn du gegen das rauchen bist, musst du nicht gegen die weitverbreitete magersucht sein. wenn wir den velofahreren ein wenig epo verbieten, können die andern ruhig weiter koksen/schlucken/kiffen/saufen.

doppelmoral in reinkultur. unter dem slogan "wasser predigen und wein trinken" eingeätzt in unseren genen.