11. Juni 2006

Wort zum Sonntag

Lieber Herr Gott

Du hast ja als Schöpfer verschiedenes irgendwie falsch eingefädelt. Kriege, Hungersnöte, Seuchen – konzeptionell und schöpfungstechnisch völlig daneben. Aber ich will hier und heute nicht in dieses Allerweltsgejammer einstimmen. Sondern einen anderen Aspekt ansprechen, der dir meiner Meinung nach bei der Kreation von uns Kreaturen ebenfalls ziemlich daneben geraten ist.

Es ist ein delikates Thema, das ich hier als Beispiel einer missratenen Schöpfungskomponente endlich einmal ansprechen will, und ich weiss ehrlich gesagt nicht, wie ich das antexten soll. Es geht um unsere Körper. Abgesehen davon, dass du uns mit diversen Bräschten ausgestattet hast, die mir mit zunehmendem Alter immer mehr auf die Nerven gehen, sehe ich da noch einen weiteren Punkt, der in deiner Schöpfung nicht ganz perfekt geraten ist.

Ich meine, äähhm, die ganze hygienetechnische Attitüde. Also z.B. jeden Morgen unter die Dusche stehen müssen. Sich mit diesem nassen Element übergiessen, einseifen, abduschen und abtrocknen müssen. Jeden Tag. Und dann noch Haare föhnen, Zähne putzen und jede Woche Fingernägel schneiden. Ach ja, und rasieren. Mit diesen teuren Klingen die eigene Haut malträtieren. Oder schon vor dem ersten Kafi und der ersten Zigi mit einem surrenden Motörchen im Gesicht rumwuseln. Grauenhaft.

Und dann, wenn das alles vollbracht ist, kommt der Höhepunkt der vermeidenswerten Verrichtungen: Der – nennen wir es beim Namen – Morgenschiss. Geschlagene zehn Minuten sitz ich da jeweils auf dieser porzellanenen Schüssel, einem Industriemassenprodukt von äusserst beschränkter Bequemlichkeit, und frage mich, warum es nicht vorwärts geht, resp. warum diese Verrichtung bis zur völligen Entleerung, die dann auch wirklich einen Tag hinhält, so lange dauert. Bei mir kommt da noch ein eklatanter geografischer Nachteil hinzu. Ich lebe auf dem Lande und hier werden die Zeitungen erst gegen 11 Uhr ausgeliefert. Also guck ich jeden morgen zehn Minuten wie ein Oberdepp die langweilig und sandbeige gekachelte Wand an, studiere die leidenschaftslose Linienführung der Badewanne und versuche das Geheimnis der höchst instabilen Duschvorhangvorrichtung zu ergründen. Jeden Morgen.

Dies alles ist nicht nur ein exorbitanter zeitlicher Aufwand mit höchst fragwürdigem und einschläfernd repetitivem Charakter, man bedenke auch, was all diese Verrichtungen für ein gewaltiges Equipment erfordern. Ich will gar nicht anfangen mit aufzählen. Jedoch muss erwähnt sein, dass dieses Equipment nicht nur intern, sondern auch extern vonnöten ist. All diese Fabriken, die all diese tools und Seifen und Wässerchen herstellen. All diese Frisch- und Abwasseranlagen. Die ganze Vertriebs- und Entsorgungsschiene. Immens! Eine komplette Industrie musste aufgezogen werden.

Ach, lieber Herr Gott, auch dieser Mangel an der Konzeption der menschlichen Spezies musste mal auf den Tisch. Das hättest du doch wirklich etwas simpler einrichten können. Stell dir vor, wir Menschen könnten morgens aufwachen, dreimal tief durchatmen, in die Kleider schlüpfen und loslegen mit dem Tagwerk. Ohne den ganzen Dusch- und Rasier- und Stuhlgang-Schmonzens. Wäre doch viel praktischer. Sauberer. Ein echtes Ökokonzept. Wir könnten uns nützlicheren Dingen widmen. Wie z.B. dem elysischen Duft von frischem Heu. Den du ja auch hingekriegt hast.

Woran, lieber Herr Gott, liegt diese flatterhafte Qualität in deiner Schöpfung? Was ist da schief gelaufen, seinerzeit, als du uns kreiert hast? Die falschen Berater? Mieses Budget? Durchgeknallte Designcrew? Oder warst du ganz einfach schlecht drauf?

Ich weiss, wir werden es nie erfahren. – Und weiter duschen ...

Kommentare:

  1. Ja, da liegt vieles an uns selber... Ist arg bequem, die Mängel einem oder dem Schöpfer in die Schuhe schieben zu wollen...

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  2. Gute Gedanken, die einem die Fantasie anregen - und einem zum Schmunzeln und als Fortsetzung schlussendlich zum Lachen bringen... Und lachen erhält ja bekanntlich gesund! Somit danke für Deinen Gesundheitsbeitrag ;)...
    Karin

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  3. @ Karin: Merci für Deine vielen lobenden Worte. Das schmeichelt mir sehr.

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