21. Juli 2006

Ich nenne ihn Luigi

Er ist immer noch da. Den ganzen Nachmittag schon. Hockt eine Stunde auf dem einen Blatt, dann eine halbe auf einem andern. Immer schön am Schatten. Ich nenne ihn Luigi. Weil er wie ein Italiener ist, der den ganzen Nachmittag auf der gleichen Piazza sitzt und nur ab und zu den Tisch wechselt. Zwar sitzen Italiener bei weitem nicht so stoisch und regungslos an ihren Tischchen auf der Piazza, aber der Käfer ist ja kein richtiger Italiener. Er tut nur so. Bekommt jede gute Stunde was von meiner Zigi ab, guckt sich die Gegend an und geht dann wieder ein Blatt weiter. Immer auf dem gleichen Geranium. Und denkt sich seine Sache. Hier hat er seine Ruhe. Kein anderes Getier weit und breit. Keine Feinde, keine Futterneider, keine Menschenschuhe, kein Stress, keine Lämpen, kein gar nix. Nur ich und die Zigi. Ansonsten hat Luigi das Fenstersimms und das ganze Granium für sich allein. Das gefällt ihm. Die Aussicht ist auch okay. Ausser dem Mercedes, der da parkiert ist. Luigi hätte lieber einen Lancia. Oder noch besser ein Fuder Heu. Aber wer parkiert hier schon ein Fuder Heu? Totalmente impossibile. Bei meiner Vieruhrzigi hat er mir von hinten in die Zeitung geschaut. Heavy, diese Benzinpreise. Und dieser Köppel. Wo der nur die Kohle her hat, um sich ne ganze Zeitung zu kaufen? Luigi ist froh, dass ihm das alles am Arsch vorbei geht. Luigi hat ein gutes Leben. Verhockt Nachmittage auf einem Granium, rollt mit den Augen, vibriert sich die Hitze aus dem Panzer, schweigt Löcher in die Luft und wechselt dann wieder das Blatt. Gut – er hat auch seine Probleme. Zum Beispiel die steinalte Ente in Nachbars Garten. Degoutant. Oder die Kinder von gegenüber. Die haben ihn kürzlich in ein Glas gesperrt und einen ganzen Tag an der brütenden Sonne auf dem Gartentisch stehen lassen. War eine Affenhitze da drin. Und der Blick nach draussen wie durch ein umgekehrtes Fernrohr. Total schräg ist ihm das eingefahren. Luigi hat nichts gegen Kinder, aber das war zu viel. Heavy traumatisch. Seither schläft er schlecht. Aber das wird schon wieder, denkt Luigi. Er kennt das. Grenzerfahrungen halt. Wie damals, als von oben ein heavy Stück Scheisse geflogen kam und ihn halb zudeckte. Seither geht er nicht mehr auf die Matte, wo die Guschtis weiden. Die können ihn mal. Da hockt er lieber auf dem Granium und schaut sich den Mercedes an.

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