25. September 2008

20minuten: not very zeitgeisty

die antikrautskampa wird jetzt auch auf altbackenen sprachlichen heimatschutz ausgedehnt – 20minuten geht voran. ausgerechnet. schon allein die headline "mundart wird zunehmend teutonisiert" hat einen grenzrassistischen touch.

der punkt ist aber, dass hier ein journalist wider besseres wissen ein uraltes sprachliches phänomen zum skandal hochschaukelt. denn: sprache hat sich immer verändert und wurde immer mit fremden wörtern angereichert. man redet da von ein- oder ausgewanderten wörtern oder wörtern mit migrationshintergrund.

zum beispiel:

fertik - Überbleibsel vom Bau der Bagdadbahn. Das Abfahrtskommando ,,Fertig!‘‘ ging ins Türkische ein, und ,,fertik‘‘ hieß dann auch der Zugbegleiter.

Poltergeist - Hat sich mit deutschem Sinn im ganzen anglo-amerikanischen Sprachraum durchsetzen können. Auch das brasilianische Portugiesisch benutzt das Wort für unerklärliche Phänomene.

Zeitgeist - Das Phänomen Zeitgeist scheint mit dem deutschen Wort so gut ausgedrückt zu sein, dass das Englische darauf zurückgriff. Das Adjektiv ,,zeitgeisty‘‘ folgt allerdings schon den Wortbildungsgesetzen der Gastsprache.

quelle

das goethe institut und der deutsche sprachrat haben in einem publikukmswettbewerb nach solchen wörtern geforscht: "Sprachinteressierte aus 45 Ländern haben sich am Wettbewerb beteiligt. Insgesamt gingen 3.500 Einsendungen aus 42 Sprachen ein, darunter auch Hindi, Atztekisch (Nahuatl), Japanisch, Malaiisch, Jiddisch, Norwegisch, Schwyzerdütsch, Kiswahili oder Kalaallisut (Grönland). Das am häufigsten eingereichte Wort war mit über 150 Einträgen: "Fisimatenten". 69-mal wurde das Wort "Tohuwabohu", 44-mal "Hängematte", 39-mal "Schokolade" und 35-mal "Döner" eingesandt." (da die entsprechende website gerade im umbau ist gucken sie hier.)

da man bei 20minuten von all dem keine ahnung zu haben scheint, warten wir gespannt darauf, dass das wackere gratisblatt demnächst die türken in die pfanne haut, weil hier alle von döner reden und nicht von einem garnierten fleischklappbrot.

ach ja, da wird noch der professionelle bedenkenträger von diesem sprachverein zitiert. der macht mich sowas von fertik.
.

Kommentare:

  1. du sprichst mir aus dem herzen. ich lese das 20min nicht regelmässig, und heute morgen habe ich mich dabei ziemlich genervt.
    wie kann ein journi so tun, als ob er nicht wüsste, dass sich eine sprache weiterentwickelt.
    zudem braucht es auch keine "masseneinwanderung" von deutschen in die schweiz, schliesslich schauen hierzulande genug leute rtl, sat1, ard usw.
    plumpe stimmungsmache gegen deutsche also, wie schon so oft. muss mit dem minderwertigkeitskomplex gewisser leute zu tun haben.

    AntwortenLöschen
  2. Sehr richtig. In meiner studierten Eigenart als Linguistin (ob mich das jetzt qualifiziert, ist mehr als fraglich)bringt mich dieses Faktum einmal mehr zu der leidigen Diskussion altbackener Ängste ignoranter Germanen-Ideologen mit offenen Vertretern aus der evolutionären Sparte: Destandardisierung der deutschen Leitvarietät aka Hochsprache versus Sprachwandelerscheinung mit der Konsequenz neuer Definitionen von Standard. Schon immer nahm die deutsche Sprache (welche faktisch erst seit 1901 normiert ist und zuvor ein regelrechter Flickenteppich aus verschiedenen Dialekten eines gemeinsammen Sprachstammes war) Lehngut aus anderen Varietäten außerhalb der Binnengrenzen auf. Latein - Französisch - Italienisch. Aber gerade diese Fähigkeit der Assimilation macht doch die deutsche Sprache aus bzw. hat sie zu dem gemacht, was sie momentan ist. Die Sprache ist des Menschen Organon - wäre doch ein Jammer, wenn Sie sich nicht mit uns mitentwickelt. Weiterentwicklung als Verschlechterung---ein evolutionärer Verfall quasi?? Immer diese Fisimatenten. (upps, ebenfalls Lehngut aus frz. visite ma tente) :-)

    AntwortenLöschen
  3. Wenn man sich die Website des Vereins kurz anschaut stellt man schnell einmal fest, dass es keineswegs ein Heimatschutzverein zur Erhaltung der Dialekte ist, sondern ein Verein, der die Sprache erforscht - gerade auch die Veränderungen. Sehr lesenswert z.B. ist der Beitrag „Bahnhofbuffet-Olten-Dialekt“ und „nicht-richtiger Dialekt“
    – Zustand und Zukunft schweizerdeutscher Dialekte
    (PDF). Meine Vermutung deshalb: Der 20min-Reporter hat die Aussagen des Vereins-Aktuars einfach passend gemacht.

    AntwortenLöschen
  4. Störend ist für mich am Ganzen schlicht die immer wiederkehrende Teutonenkalamität von uns Deutsch-Schweizern: Die Sprache, deren Einfluss wir da so fürchten, ist unsere eigene...

    Es ist die, in der sich alle unseren namhaften Künstler ausdrücken, mögen sie noch so schweizerisch sein - zumindest dann, wenn sie wirklich verstanden werden wollen.

    Wir sollten uns daher eher über die unbesehen einfliessenden Anglizitäten (?) aufregen, wenn überhaupt.

    AntwortenLöschen
  5. Bruder Bernhard25/9/08 12:43

    20 Minuten! Wenn ich das schon höre. Das sind doch die, deren Autoseite zwar redaktionell daher kommt; bei näherem Hinsehen sieht man aber den Sponsoring-Tag der Autoindustrie. Oder verwexle ich die jetzt? Ein ... Machwerk ist das (ist das jetzt ein unnetter Kommentar? Ja, wie soll man da noch nett bleiben? Jede Minute, die an diese Dumpfbackenpostille verschwendet wird, wird euch auf dem Totenbett noch leid tun. Was könnte man in dieser Zeit nicht alles gefreutes tun...

    AntwortenLöschen
  6. @ thinkabout
    auch die anglizismen sind ein normales, natürliches phänomen. und wie bugsierer in seinem post ja so schön erläutert, handelt es sich hier ja nicht um eine einbahnstrasse...

    AntwortenLöschen
  7. @ kathrinb + bb: stimmt. man sollte eigentlich solches zeug nicht lesen. aber als einer, der was mit medien macht, liest man halt alles. und man muss auch sagen, dass 20m nicht nur schlecht ist, manchmal machen sie online sachen sogar besser als alle anderen.

    @ mercedess: oh, eine linguistin. willkommen in meiner bescheidenen bloghütte. wenn ich nochmals könnte, würd ich auch linguistik machen. wobei ohne ist es jetzt ja auch gegangen, hüstel. – die sprache ist des menschen organon, sagen sie. musste ich zuerst googeln, – aha, werkzeug. gute bemerkung. ich würd noch weiter gehen, irgendwo hab ich vor langer zeit den satz gehört: die sprache ist ein instrument des denkens.

    @ thinkabout: öhm... wie heisst dein blog nochmals? irgendwie auch bisserl anglizistisch, oder? aber bitte jetzt nicht halsüberkopf auf "denkddrüber" wechseln ;-)


    @ matthias: vermutlich hast du recht. ob ich den guten mal frage?

    AntwortenLöschen
  8. Die Schweizer Mundart gehört ja zu den alemannischen Dialekten, die diesseits ebenso wie jenseits der Grenze gesprochen werden, von Fremd-Sprache kann also keine Rede sein.

    Der Artikel entbehrt aber nicht einer gewissen unfreiwilligen Komik:
    "Ein gutschweizerisches SMS wird zu einer SMS, statt in die Ferien fährt man in den Urlaub." - "SMS" ist natürlich ein ebenso urschweizerisches Wort wie "Ferien" (von lateinisch: feriae) und "Trend": "Wir halten diesen Trend für bedenklich."

    AntwortenLöschen
  9. @ flashfrog: hach, sehr witzige beobachtung. sie treffen den nagel auf den head.

    AntwortenLöschen
  10. Vielleicht hat die Schreiberin nur gerade eine Identitätskrise angesichts des deutschen Grossvaters..oder noch nicht aufgearbeitete Familienkonflige angsichts der deutschen Mutter... oder...
    Ich hätte gerne ne Statistik, wieviel Prozent der Schweizer Bürger deutsche Vorfahren hat.

    AntwortenLöschen
  11. So ein schönes altes schweizerdeutsches Mundartwort wie "Trottoir" durch irgendein dahergelaufenes deutsches Fremdwort zu ersetzen wäre aber auch wirklich jammerschade. :-)

    AntwortenLöschen

Bitte keine unnetten Kommentare. Die werden hier gelöscht. Danke.