15. August 2008

newsnetz: notizen zur ersten woche

die erste woche newsnetz liegt hinter uns. ich habe mir ein paar gedanken gemacht über ein erstaunlich unfertiges produkt.

• kommentare


leser können artikel kommentieren. toll. das ist die zukunft: der rückkanal. allerdings ist mir nicht ganz klar, wo man kommentieren kann und wo nicht. dort, wo es schon kommentare hat, ist es kein problem, aber dort, wo es noch keine hat, ist es eins – ich jedenfalls finde den knopf nicht.

• nichts verpassen

dem slogan "nichts verpassen", mit dem das portal wirbt, wird noch nicht ganz nachgelebt. vor allem im lokalbereich liegt noch etwas potential, finde ich. auf bernzeitung.ch gibt es unter region/emmental zwar zwei drei meldungen einer bestimmten stadt, aber das ist nur die hälfte von "nichts verpassen".

erst auf der alten espace seite finde ich alle artikel der berner zeitung, die auch im print zu finden sind. mit anderen worten: ich muss jetzt zwei websites konsultieren, um nichts zu verpassen. es ist nicht nachvollziehbar, warum man auf der alten site alle artikel aus der printausgabe publiziert und auf der neuen nur teile daraus.

• domain- und markengewusel

sehr geheimnisvoll auch die geschichte mit der domain baslerzeitung.ch. sie steht zum verkauf, aber die baz will sie nicht. das verkündet nicht etwa der ceo der neu gegründeten baz(online)ag, die als herausgeberin des baz online auftritts fungiert, sondern der cfo (chief financial officer) der basler zeitung medien, also dem mutterhaus. nicht der medienstratege, sondern der finanzer. er verlautbart bei persönlich.com:

Bei der "Basler Zeitung" ist man nicht unmittelbar an einem Kauf der Domain interessiert, wie Jürgen Hunscheid, CFO der Basler Zeitung Medien, auf Anfrage von "persoenlich.com" erklärt.

sehr wuselig, irgendwie. und überhaupt: eine der simpelsten und ältesten regeln, um einen alten real life brand ins internet zu zügeln lautet: die url sollte gleich heissen wie der gut eingeführte brand. aus berner zeitung wird also bernerzeitung.ch, aus tages anzeiger wird tagesanzeiger.ch – nur aus basler zeitung wird bazonline.ch.

gut, das kann man machen, selbst dann, wenn die ganze branche weiss, dass das nur suboptimal ist und der zusatz "online" eingedampft werden kann auf das ".ch" am ende der wortmarke. wenn man aber auf den kauf der url baslerzeitung.ch verzichtet, wird das ganze brandingpuff noch wuseliger – voilà:



man wird also auf baslerzeitung.ch auch weiterhin auf eine nette kleine linkschleuder stossen.

• blogs & facts

dass tagesanzeiger.ch darauf verzichtet, die hauseigene debatten community facts.ch zu verlinken oder gar zu empfehlen, finde ich bemerkenswert. das hauseigene top blog von hugo stamm wird zwar verlinkt, aber ohne zu erwähnen, dass es ein blog ist. aber bazonline.ch verliert schliesslich auch kein wort über das eigene weblog.

dort ist man noch am üben irgendwie. jedenfalls hat peer ditmar den takeover von sich und seinem aggregator logcut durch die bzm(online)ag zwar selber gepostet, aber nur einen bericht der werbewoche gecopypastet. bitte weiterüben. die digital strategy im allgemeinen und das marketing development im speziellen wird sicher noch vertieft werden. da sind wir mal zuversichtlich.

• datierung

es gibt noch weitere details, die bei newsnetz nicht gepflegt werden und darum zu reden geben. die datierung von artikeln zum beispiel. im online news geschäft nicht weniger wichtig als im print. bei den meisten artikeln heisst es "aktualisiert vor X minuten". auch bei artikeln von gestern. dann steht da "aktualisiert um 16.54 uhr", obwohl es erst morgens um zehn ist.

bei anderen artikel heisst es "aktualisiert am xx.x.xx", also nur ein datum, keine uhrzeit. bei wieder anderen steht gar nix. zudem ist "aktualisiert" ein eher untauglicher begriff, finde ich. den leser interessiert ja wohl eher, wann ein artikel publiziert worden ist und wann allenfalls weitere infos (updates) dazugekommen (aktualisiert) sind.

erstaunlich, dass so simple sachen nicht von anfang an klappen.

• paranoia disclaimer

die branche lacht sich schief: die geschichte mit dem unsäglichen disclaimer bei tagesanzeiger.ch. dort hiess es bis vorgestern, wie schurnischreck ugugu enthüllt hat, neben anderen merkwürdigkeiten auch folgendes:

Zudem ist für Links, die von einer fremden Website auf die TA-Website führen, stets vorgängig eine ausdrückliche, schriftliche Bewilligung von Tamedia einzuholen.

klar, ich weiss, internet ist ein prozess und so. mein blog hat auch nicht schon am ersten tag so supi ausgesehen wie heute. aber immerhin tritt das newsnetz mit dem anspruch an, das attraktivste newsportal der schweiz sein zu wollen. zu diesem anspruch passt ein paranoia disclaimer aus den 90ern sehr schlecht.

• content

als alter medienjunkie ist man ja gewohnt, möglichst viele verschiedene zeitungen zu lesen. im print geht das aber schon nicht mehr so gut wie früher, immer öfter steht der gleiche text in zwei oder mehr zeitungen.

jetzt publizieren die drei grössten titel des landes unter dem gleichen onlinedach, da stellt sich natürlich die frage, ob das gut gehen kann. dabei passieren schon mal ausrutscher, die eigentlich auch in der startphase nicht passieren sollten. ein haarsträubendes beispiel hat peter hogenkamp festgehalten und dazu gesagt:

schlechtes Basler Handwerk, denn das kann ja wohl nicht der Anspruch sein.

der anspruch? der lautet immerhin:

"den Leserinnen und Lesern das attraktivste Nachrichtenportal der Schweiz zu bieten"
warum man gleich mit solchen superlativen um sich werfen muss, keine ahnung. aber bitte nicht erschrecken, wenn wir euch daran messen.


• boulevardisierung

beispiel von heute morgen:


wohlverstanden, das sind die zwei topthemen gleich unter dem megabanner zu den unterkategorien basel und schweiz. ähm... nochmal hingucken, bitte: links die tittenparade von the next big bademeister, rechts eine falsche und für jeden toten soldaten hochbeleidigende headline.

sagte da jemand was von nachrichtenportal? journalismus? wichtige themen und so?

• design

neu ist das design nicht, muss es auch nicht sein. die schriften sind angenehm gross, die bilder grosszügig, ein schön gemachtes grundgerüst. dass jede der drei partner eine eigene titelschrift hat, finde ich eher verwirrend. wie das ganze aussehen wird, wenn dann mal alle drei partner ihr eigenes zeug wirklich in die seite eingebaut haben, wird sich zeigen.

• fazit

für den mainstream user mag das ein guter start sein, online afficionados wundern sich ab der unfertigkeit und fehlenden detailtreue.


> tagesanzeiger.ch
> bazonline.ch
> bernerzeitung.ch


update 09.07h: der medienspiegler sieht den oben erwähnten matterhorn/irakkrieg-vergleich ähnlich kritisch: An Zynismus oder journalistischer Naivität kaum zu überbieten...

> medienspiegel
.

Kommentare:

  1. Wie üblich, Herr Bugsi, eine fundierte und umfassende Analyse. Sie beobachten ein paar Tage, mit eingeschaltetem Hirn, packen dann Ihre Erfahrungen dazu, und dann servieren Sie das Ganze doch so süffig, dass man nie in einer Vorlesung sitzt. A la OR nenne ich Sie hier (aber nur hier, wenn Sie gestatten) zukünftig Herr Dr. Bugsierer.

    Was mich im Moment am meisten nervt: Dass die Artikel relativ flach sind. Dass sie relativ kurz sind, wäre ja okay. Aber eben, es wird dann noch schneller klar, was 20Min eher noch besser kann: Schnell mal was ins Netz stellen.

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  2. Wieso finde ich diesen Beitrag erst jetzt? (Da können Sie nichts dafür, Dr. Bugsierer).

    Ein paar Anmerkungen:

    1. Danke für die Feststellung, dass man nicht alle Artikel kommentieren kann. Ich dachte schon, ich würde altershalber verblöden.

    2. Um bei den Kommentaren zu bleiben: Dort, wo Kommentare möglichsind, herrscht ein langweiliger Wildwuchs von jekami. So macht Kommentare lesen keinen Spass (ich will keine Kommentare von Micky Mouse, Donald Trump und Claudia Cardinale lesen). Wenn das Web 2.0 ist, brauche ich es nicht.

    3. Die Boulevadrisierung: Grausam, einfach nur grauselig grausam. Ein allgemeiner Trend auf den Online-Newsportalen, der mich davon abhält mich dort zu lange aufzuhalten. Ich suche INHALTE, nicht Infotainment.

    4. Zu den Blogs: Der von mir täglich gelesene Kulturblog wurde in die Online-Plattform integriert, mit dem Resultat, dass alle spannenden Links zu anderen lesenswerten Blogs auf der Strecke blieben und das Blogdesign an das neue Online-Design angepasst wurde. Jetzt fehlt nur noch die Kommentarflut mit Micky Mouse und Co. ... Wenn ich wählen könnte, hätte ich gerne den alten Kulturblog zurück.

    Mein Fazit: Nach anfänglicher Begeisterung die grosse Ernüchterung. Ich bin kaum mehr auf der Online-Plattform. Vom Konzept her gefällt mir FACTS 2.0 viel besser (dafür hapert es dort mit der Umsetzung, reps. dem Community Management).

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  3. frau zappadong, merci für die messerscharfe analüse. ist schon so: bei facts 2.0 oder in blogs fühlt man sich wie in einer guten beiz, bei den grossen portalen wie im hallenstadion.

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  4. Finde hier meine Eindrücke bestätigt. Die drei Zeitungen bereiten einen "News-Brät" in Echtzeit, den sie dann auf ihren Portalen in die von OR designte Oberfläche (die eine wunderbare Anmutung hat) stopfen. Was ich als blogger vermisse ist die Möglíchkeit an Debatten teilzunehmen, indem ich hochwertige Beiträge kommentieren könnte, oder auch nur auf sie linken. Der "Kultur-Teil" des Tagi war unter dem alten System diesbezüglich sehr grosszügig. Nun gibt es eine Zürcher, eine Berner und eine Basler "Gratis-Newswurst". Ziel ist es wohl die Printgratiszeitungen in den Pendlerregionen durch die Zeitungslektüre auf Handy zu ersetzen. Dies hat den unschätzbaren Vorteil, dass über die Handy-Identifizierung klare Interessenprofile der "user" erstellt werden können, was neue Möglichkeiten des direct marketing eröffnet. Bsp.: Pendle nach Zürich und lese auf dem Handy einen "Tagi-Artikel über Weine", wenn ich lange genug lese, dann läutet das Handy und eine freundliche Frauenstimme fragt: "Herr Uertner, wollen sie nicht zum Vorzugspreis von ...". Wie Zappadong schon bemerkt hat. Die "Speckwürfeli" bleiben im Print. Da kann dann auch printmässig debattiert werden: Beziehe mich auf Muschg im Tagi vom 2.Juli 2008 etc. Die Zeitungsaushänge werden in wenigen Jahren ganz anders lauten: nicht "Flugzeugabsturz 200 Tote" sondern "Max Küng über Torten", "Seibt über Zigaretten" etc. So wird die Zeitung über "Starschreiber im Bezahlbereich" und "Kindersoldaten mit PR-Ausbildung" im Gratisbereich funktionieren.

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  5. @ uertner: merci für die interessanten bemerkungen.

    dass sie den trick mit der handy identifizierung und anschliessendem werbeanruf bringen werden, liegt auf der hand. allerdings hoffe ich doch sehr, dass der gesetzgeber solchen unfug nur erlaubt, wenn man das ausdrücklich will (abonniert).

    was das profiling der user angeht sind wir ja heute in der bizarren situation, dass es eigentlich keine rolle mehr spielt. wie der jüngste datenskandal in deutschland gerade zeigt, ist das alles schon viel weiter als man sich denken kann. selbst wer null aktivität im netz hat, ist heute mit allerlei datensätzen an verschiedensten orten gespeichert. man denke nur mal an all die kundenkarten, die die leute mit sich rumschleppen und bei jedem einkauf einscannen lassen. und wo z.b. vereinspräsidenten ihre mitgliederdaten bunkern, möchte man auch nicht wissen.

    ich habe kürzlich ein paar stunden das thema "ortung" recherchiert. ortung via satellit oder lokal via rfid chip oder dergl. da sind schlaue anwendungen im kommen, z.b. besucherleitsysteme für grosse öffentliche gebäude wie spitäler oder messen. und es sind ebenso zweifelhafte anwendungen im kommen, z.b. überwachung am arbeitsplatz – wer hält sich wann wie lange wo auf?

    schöne neue welt.

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