den gründern von swissblogpress sei hier ausführlichst gratuliert. sie haben eine organsiation auf die beine gestellt, die sich für blogs einsetzen will. nicht nur für die eigenen mitgliederblogs, sondern für blogs ganz allgemein. für ein phänomen also, dessen kurz- und mittelfristige potenz breiten kreisen noch nicht bewusst ist. leider ist die neugründung dieses blognetzwerks nicht ganz glücklich geraten. die frage ist ja: warum bloggen wir? in den 70ern lautete die frage: warum schreiben wir? damals entstanden die ersten alternativen medien, ausschliesslich gedruckt natürlich, es entwickelte sich – dank der neuen technologie des offsettdrucks, die solche publikationen erst möglich resp. zahlbar machte – eine neue autorenszene. schon damals merkten die traditionellen medien erst spät, dass die alternative presse immer mehr an beachtung fand.
den ersten alternativen medien von damals wäre es nie in den sinn gekommen, einen eigenen verlegerverband zu gründen. jeder werkelte in seinem eigenen gärtchen. das war auch noch die zeit, als man entweder an die demo oder an die vernissage ging. aber nicht beides. heute kannst du um zwei an einer demo gegen das neue asylgesetz mitmarschieren und um fünf im kunstmuseum an einer vernissage mit dem cüpli rumstehen. in der marketingsprache nennt man das "der situative konsument". umgangssprachlich kann man auch sagen: heute mc-donalds, morgen schweizerhof.
interessengemeinschaft für bloggerinternet-sei-dank ist das heute alles gaaanz anders. die digitale vernetzung hat alles auf den kopf gestellt und das innert weniger jahre. das phänomen "weblog" hat verschiedenste facetten, eine davon ist die gründung von swissblogpress. 13 völlig unterschiedliche blogs tun sich zusammen und gründen eine art ig. eine interessen-gemeinschaft. aber das ist ein ausdruck aus den 70ern, heute und blogbezogen nennt sich das blognetzwerk.
man will sich um technische belange, um rechtsfragen und um die vermarktung kümmern. vermarktung? auch das ist neu in solchen gebilden. man stelle sich vor, die gruppe olten (heute
autorinnen und autoren der schweiz) hätte damals das wort "vermarktung" schon nur in den mund genommen – unmöglich. dass sich heute die blogger ganz offen dazu bekennen, nach möglichkeit und adsense sei dank auch ein wenig geld mit ihren blogs verdienen zu wollen, ist also eine neue qualität der alternativen publizistik. und sicher ein legitimer anspruch.
dass man sich bei swissblogpress in technischen und rechtlichen belangen gegenseitig unter die arme greifen will, entspricht den standardmässigen features eines solchen verbgandes. jeder autoclub bietet technische und rechtliche beratung an. beide aspekte sind auch in sachen blogs von grosser relevanz. so mancher blogger scheut sich vor den irrungen und wirrungen einer eigenen wordpress- oder sonstwie-installation, so mancher blogger läuft mangels erfahrung einem anwalt ins offene messer. ganz zu schweigen vom thema kontentklau.
viele offene fragenein weiteres anliegen von swissblogpress ist die steigerung der öffentlichen aufmerksamkeit für blogs. auch dies ein standard-feature eines verbandes, der sich rund um ein neues und noch unbekanntes produkt organisiert. als breit abgestütztes blognetzwerk kann man in dieser richtung sicher einiges erreichen. wenn man kann. denn die umsetzung dieses vorhabens bedeutet professionelle pr-arbeit. und die will zuerst beherrscht und dann auch noch gemacht werden.
wer das bei swissblogpress wie machen wird, wurde nicht mitgeteilt. zwar ist in der gründungs-crew eine pr-agentur mit dabei, aber die tut sich momentan noch mit keinen konkreten plänen hervor. es fällt überhaupt auf, dass swissblogpress zwar einige gewichtige sachen ankündigt, aber zu keinem thema konkret wird. das einzig konkrete ist ein schlagzeilen-agreggator, der jedoch neben slug.ch oder zuri.net nur wenig usability-glanz versprüht.
klar, so ein verein soll wachsen können und es ist schon eine reife leistung, dass sich da überhaupt 13 blogs zusammengerauft haben. aber äs bitzeli konkreter hätte es da und dort schon sein dürfen. z.b. bei der leserbeglaubigung, derzeit (und noch lange zeit) ein heiss diskutiertes thema. da interessiert doch, wie diese beglaubigung vonstatten gehen soll. mit welchen kriterien, mit welchen tools, mit welchem terminplan?
sehr viele offene fragenoder der "austausch in unserem netzwerk". klingt gut, aber wie wird der organisiert? übers netz oder offline mit tagungen? dann wird da der "rechtsschutz (optional)" angesprochen resp. angeboten. was heisst hier optional? wer betreut diese rechtsschutzstelle? ein jurist? gratis? apropos gratis: ich erfahre auch nirgends, was die mitgliedschaft bei swissblogpress kostet. apropos geld: swissblogpress spricht von einem vermarktungsprogramm. wow! das ist ambitiös. da erwarten wir natürlich nicht schon bei der gründung ein fertiges konzept. aber ein paar worte dazu schon. ein ansatz, eine idee und vielleicht auch nur die lapidare mitteilung, dass da jemand an einem konzept gerade arbeitet.
hm. das ist alles ein bisschen schmal, finde ich. so schmal wie die website von swissblogpress, die bei genauerer betrachtung einen eher unausgegorenen eindruck hinterlässt. so erfahren wir erst auf der seite "kontakt", wer in diesem verein das präsidium inne hat. das gehört aber eher in die abteilung "über uns". dafür ist die kontaktseite einzig mit einem kontaktformular ausgestattet, was heutzutage doch nicht wirklich state-of-the-art ist. wenigstens
eine direkte e-mail-adresse zu einem der co-präsidenten wäre in der rubrik "kontakt" auf einer website, die die sache der blogs fördern will, das minimum. ja, man findet die entsprechenden daten dann auf dem pdf mit der pressemitteilung. aber warum erst dort und nicht nach einem klick auf der website?
auch der rest der swissblogpress-website ist etwas gar minimalistisch geraten. in der rubrik "über uns" finden wir 14 zeilen zu oben angesprochenen plänen. notabene zu einem halben dutzend teilbereichen, die per se einen hohen anspruch markieren, aber hier in einer eher oberflächlichen ankündigungsmanier verharren. in der rubrik "blogger" erfahren wir, wie man mitglied werden kann. vielleicht wäre hier der rubriktitel "mitglied werden" sinnvoller. hier werden vier hauptaktivitäten von swissblogpress (austausch, leserbeglaubigung, vermarktungsprogramm und rechtsschutz) noch einmal genannt. plus die aufnahmekriterien, die ebenfalls eher vage formuliert sind.
zu viele offene fragender stärkste punkt in dieser neugründung ist das aufnahmeverfahren. der vorstand prüft die anträge und gibt den mitgliedern eine empfehlung ab. das mag hoffentlich verhindern, dass swissblogpress zu einem verein für katzen- und kuschelblogs wird. aber auch dieser aspekt ist doch eher ein schwebender. wer ist im vorstand? alle 13 gründungsmitglieder? wird einstimmig oder nach mehrheit entschieden? müssen alle vereinsmitglieder für eine aufnahme sein oder nur ein teil? und was ist mit "qualitativ hochstehend in einem spezifischen themenbereich" genau gemeint? würde da mein hochspezialisiertes
aschenbecherblog schon durchgehen?
meine kritik mag pingelig oder kleinmütig oder spielverderberisch anmuten, aber es hat einfach zu viele inhaltliche und andere fehler auf dieser website, als dass man zu dieser durchaus begrüssenswerten neugründung nur jubeln könnte. weitere beispiele gefällig? in der rubrik newsletter kann man keinen newsletter abonnieren, das ist erst demnächst möglich, wird da verlautbart. liebe swissblogpress, solche scherze kennen wir von selbstgemachten handballvereins-websites zur genüge, aber für einen blogverein ist das etwas peinlich. und warum bitteschön wird uns in der rubrik "medien" nur ein hochauflösendes logo zu 615 kb angeboten und das erst noch in einem ollen .eps-format? 99% der zielmedien für dieses projekt (nämlich alle onlinemedien) bräuchten ein schlankes 50-kb-jpg.
der name: irreführend und unglücklichzum schluss noch ein wort zum namen und zum logo dieses projekts. swissblogpress. da fragt man sich natürlich, was das "press" am ende dieses namens soll. irgendwie steht dieser begriff sehr schief in der landschaft. da doch blogs was ganz anderes sind als press, also presse, also gedruckt. und das ist zweifellos das erste, was der gemeine rezipient da rausliest: irgendwas mit blogs und presse. was aber nur ein marginaler teil des projekts zu sein scheint, nämlich die bekanntmachung von blogs auch in der gedruckten presse. alle anderen pläne dieser organsiation haben mit dem begriff press nix zu tun.
warum nicht gleich "swissblognetwork"? oder meinetwegen mit pünktchen: "swiss.blog.network". das würde im namen, der ja eine marke werden soll, schon das wichtigste sagen. und wer im namen schon alles wichtige gesagt hat, braucht keine baseline mehr (oder kann sie für eine andere aussage benutzen). bei swissblogpress liegt man in der baseline mit dem begriff "blognetzwerk" ziemlich nahe am kürzlich gelaunchten
blogwerk. unglücklich ist das. sehr unglücklich. erstens verwechslungsgefahr, zweitens unpräzise abgrenzung, drittens könnte die nähe zu blogwerk theoretisch zu begehrlichkeiten führen.
wohl aber nur theoretisch, da peter hogenkamp, der mitinhaber und chef von blogwerk, sicher schlaueres zu tun hat, als solchen hahnenkampf 1.0 auszufechten. trotzdem, es schleckt keine geiss weg: blognetzwerk und blogwerk sind sich aus sicht eines optimalen namings viel zu nahe. phonetisch und inhaltlich. so nahe, dass ich als mitglied, so ich denn aufgenommen werde, als erstes dafür weibeln würde, sofort diesen namen zu ändern.
denn nicht nur der name ist nur suboptimal, sondern auch das logo. auch hier ist die bildaussage unklar und die gefahr gross, dass etwas anderes daraus gelesen wird, als eigentlich gemeint ist. mögliche interpretationen sind: das logo eines kleinstädtischen verkehrsverbundes, im sinn von: drei vorortsbahnen sind zu einem cityexpress eingedampft worden. oder: alle für einen, gemeinsam packen wirs an. eine aussage, die man auch beim schweizerischen cafetierverband antreffen könnte. dabei müsste die bildliche aussage doch etwas mit vernetzung zu tun haben, dem wichtigsten und prägensten aspekt der ganzen bloggerei.
ich würde also – wie gesagt: falls ich denn aufgenommen werde – nicht nur für die änderung dieses logos weibeln, sondern für dessen ersatzlose streichung. eine gute wortmarke braucht kein logo nebendran. oder sieht jemand bei google noch ein logo? der brand (formerly known as wortmarke) ist das logo.
geschichte schreibenirgendwie hat es auch was positives, dass swissblogpress so unkonkret startet. man kann sich einbringen und mitdenken und mitmachen. vielleicht haben die gründer (wo bleibt die quoten-gründerin?) extra nur grob ein paar ziele definiert und überlassen die genauere marschrichtung bewusst der sprutzligen eigendynamik in der bloggerszene. das könnte spannend werden. das hätte man auch spannend moderieren und anteasern können. "du bist swissblogpress", oder so.
keine frage also, ich werde mich noch heute um eine aktive mitgliedschaft bewerben (und eine offerte für den mitgliederbeitrag einholen). ich will dabei sein, wenn in der schweiz mediengeschichte geschrieben wird – dieser erste blogverein (welch 2.0-untaugliches wort!) wird dies zweifellos tun. es wäre toll, wenn möglichst viele qualitäts-blogs an dieser geschichte – ebenfalls aktiv – mitschreiben würden und diesem verein zu einer weitherum vernehmbaren stimme verhelfen und ihn zu einer agilen und wirkungsvollen institution werden lassen.
du hast ein qualitätsblog? hier gehts directly zu den swissblogpress-ko-präsidenten:
sandro feuillet,
ignoranz.ch, sandro @ feuillet . ch
christian schenkel,
eDemokratie.ch, schenkelc @ bluewin . ch
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update: siehe auch
posting vom 3.11.06