6. April 2010

verlegerblues #2: reinfall am rheinfall

ich vermute, herr chefredaktor neininger hat meine sozialstudie zum allgemeinen verlegerblues tatsächlich gelesen. sicher bin ich zwar nicht, er sagt ja nichts genaues.

jedenfalls erklärt er in einem von seinen vier (!) sonntagspostings von gestern, wie seine "presseschau" nun wirklich zu verstehen ist:

Das Lesen der Sonntagszeitungen ist für einen Chefredaktor Pflicht, die Hinweise auf die (aus meiner Sicht) herausragenden Beiträge Kür. Da darf der Leser, wie er sicher schon bemerkt hat, nicht all zu viel erwarten: Keine eigentliche Blattkritik sondern eine Ermutigung, die Zeitungen selber zu erwerben und sich ihnen zu widmen.

ah ja, eine kür... von der man nicht "all zu viel erwarten" darf. soweit ich das beim springreiten oder beim eiskunstlaufen verstanden habe, ist eine kür normalerweise eine veranstaltung, an die man ganz besonders hohe erwartungen zu haben hat. aber gut, wir können das auch streichen. erwartungen sind ja eh irgendwie das letzte.

verleger neininger widmet sich natürlich auch dem launch des iPad und kommt schon im dritten satz auf den punkt:

Die spannende Frage bleibt, wie das Geschäftsmodell aussehen wird, daran arbeiten Verleger in aller Welt und ganz besonders intensiv auch die Schweizer Medienhäuser.

dass sie daran arbeiten, hat man schon munkeln gehört, aber dass sie hier "ganz besonders intensiv" an ihren neuen geschäftsmodellen arbeiten, also quasi intensiver als anderswo, hätte ich jetzt nicht gedacht. vermutlich war das bisher alles streng geheim und ausser mir hat diese super exklusive enthüllung in neiningers blog noch keiner bemerkt. ich glaube auch nicht, dass das eine blogente ist, denn immerhin ist herr neininger Mitglied des Präsidiums des Verbands der Schweizer Presse, Departement Publizistik, da muss er solche sachen logischerweise aus erster hand wissen.

allerdings weckt herr neininger schon im nächsten satz zweifel, ob die verlegerzunft wirklich an einer lösung arbeitet oder einfach nur aus vollen rohren zetermordio schreit:

Eines jedenfalls ist gewiss: Das Ende der Gratisinformation und auch das Ende der Urheberrechtsmissachtung – etwa durch Google – naht. Und damit auch die Rückkehr der Vernunft.

ich tippe mal auf zetermordio. denn gewiss ist in sachen internet eigentlich fast gar nichts. ausser vielleicht, dass sich das zeitalter der gratisinformation gerade eben richtig warmgelaufen hat.

was die urheberrechtsmissachtung von google betrifft, fehlt mir hier die unschuldsvermutung. google wurde meines wissens bisher weder angeklagt noch verurteilt.

rückkehr der vernunft? was immer er damit meint, bei mir kommt es so an: wir haben keine ahnung, was abgeht.

schliesslich kommt verleger neininger auch noch auf meinen scherz in sachen intelligenzblatt zu sprechen:

PS: Und weil die Scherze in den Kommentaren über den Untertitel unserer Schaffhauser Nachrichten („Schaffhauser Intelligenzblatt“) zunehmen, hier ein Satz dazu: Es ist ein Zeichen von Intelligenz, wenn man weiss, dass Intelligenz in diesem Zusammenhang von Nachricht kommt. Darum heisst der entsprechende Nachrichtendienst ja auch Intelligence Service.

daraus folgern wir: es sind alle menschen zu wenig intelligent, die den zusammenhang von schaffhauser intelligenzblatt und dem secret intelligence service nicht auf anhieb kapieren. ich nenne das eine verkappte leserbeschimpfung.

wie klug es im übrigen ist, eine zeitungsmarke in der nähe eines geheimdienstes zu positionieren, ist keine frage – es ist sehr sehr unklug. denn das wesen einer zeitung besteht in erster linie aus der schaffung von transparenz und das wesen eines geheimdienstes besteht aus dem geheimen an und für sich – widersprüchlicher könnten diese zwei positionen nicht sein.

noch selten habe ich einen solch kruden semantischen spagat gesehen.

was für ein reinfall am rheinfall.
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Kommentare:

  1. Und das vor meiner Haustüre! Also nei!

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  2. http://de.wikipedia.org/wiki/Intelligenzblatt

    Neininger hat in dieser Sache recht, aber auch bei solchen antiquierten Begrifflichkeiten zeigt sich, dass die Verleger in der neuen Zeit noch nicht angekommen sind. Sie können es schlicht nicht verkraften, dass sie die Hoheit über die Vervielfältigung von Texten verloren haben. Darum pflegen sie auch das Feindbild Google so hingebungsvoll.

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  3. @ david: hm... tatsächlich. hab ich nicht gewusst, dass das mal ein allg. gebräuchlicher begriff war. ich hab immer gemeint, das sei eine verhohnepiepelung.
    na ja, das macht die geschichte nicht besser.

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  4. einem alten fuchs noch den unterschied zwischen einem leserbrief (den man zur not ignorieren kann) und einem blogkommentar (den er immerhin nicht gänzlich ignoriert hat) beibringen zu wollen, ist wohl vergebene liebesmüh.

    "news1" hättest du bei der gelegenheit auch noch um die ohren hauen können: wobei ich gerade bei diesem kruden nuus-projekt nie verstanden habe, wie es mehrere schweizer verlage gemeinsam fertig bringen sowas anzureissen, ohne ein minimum an personal einzuplanen, geschweige denn ein journalistisches konzept.

    zack, wieder ein milliönchen weg, bevor die grossen medienhengste aus zürich über den restbestand an verlegerischen erbgenossenschaften in den provinzen hinwegreiten.

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