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12. Januar 2010

charity als businessmodell – 10vor10 zeigt wie


du willst mit deiner 16metersegelyacht jahrelang um die welt segeln und hast nicht genug geld dazu? kein problem: mach kinder und mach charity. so schipperst du jahrelang sorgenfrei auf den weltmeeren rum.

so gehts:

mit mehreren kindern auf einer segelyacht unterwegs zu sein und diese womöglich auch noch auf hoher see zu gebähren – das ist ein superber aufhänger für alle medien dieser welt und damit die basis deines geschäftsmodells schlechthin. kinder sind für medien immer gut, kinder auf einer segelyacht noch viel besser.

diesen medien tischst du als feigenblatt deiner mehrjährigen ferienreise ein möglichst pfiffiges charity projekt auf. es spielt keine rolle, woraus das besteht oder was es unterstützt, hauptsache charity.

wichtig ist, dass die idee einfach ist. z.b. so: sammeln von abfall an den schönsten badestränden der welt, dortiges absingen eines alpsegens, testen und promoten von schweizer green tech an bord.

deine segelyacht taufst du "mutter erde" und das ganze projekt nennst du "top-to-top". du verkaufst dein dings als, sagen wir... "global climate expedition". "expedition" tönt immer gut. dieser zeitgeistige slogan berechtigt dich automatisch, deine website mit einem unep logo zu dekorieren (United Nations Environment Programme).

du bist damit deine eigene, von höheren instanzen heiliggesprochene umweltkampa und kannst von nun an auch volunteers anheuern, die dir das deck schrubben, die takelage ölen und die kombüse in schuss halten.

ab und zu gehst du in schulen, vorzugsweise irgendwo am ende der welt, und gibst dort den kindern mit ihren tränendrüsigen kulleraugen crashkurse über abfallentsorgung – das ist gut für das klima und die kameras. ab und an steigst du auf hohe berge, wo du wiederum einen alpsegen gen himmel schmetterst – das ist noch besser für die kameras.

achte immer darauf, dass du vor der kamera stets dein kampa-shirt an hast und dass dich die reporter mindestens einmal beim beten mit deinen kindern am familientisch abfilmen.

mit der zeit hast du genug stoff beisammen für ein buch. und wer ein buch hat, hat auch genug stoff für gelegentliche vortragsreisen, die heute aber multivisionsshow heissen. für die promotion deines climate dings jettest du also gerne auch mal klimabereinigt in die schweiz, um hier in mehrzweckhallen die einkünfte von deinen main sponsors, partners und donors sinnvoll abzurunden.

die säle werden brechend voll sein. denn ein solch trändendrüsiges package inkl. süffigem abenteuer approach kaufen dir heute selbst sog. seriöse infotainment gefässe wie 10vor10 GENAU SO ab. sie verzichten sogar darauf zu erwähnen, dass dein drei monate alter säugling ein angeborenes nierenleiden hat und gerade kürzlich notfallmässig – a sort of – von der rega in die schweiz geflogen werden musste.

von solchen petitessen lässt man sich aber in einer anständigen infotainmentsendung den charitymodus nicht unterbrechen. heute haben ja selbst leute wie gadaffi ein charity projekt, wer könnte da schon dagegen sein. überhaupt: infotainment ohne charity ist schon fast eine seltenheit und das showbiz funktioniert ohne charity auch nur noch bedingt.

mit anderen worten: wenn du es richtig machst, ist das finanziell sorgenfreie umrunden der welt mit deiner 16meteryacht keine hexerei mehr. denn, liebe wellnessweltretter, charity ist heute nicht mehr nur ein marketingkanal neben anderen, sondern ein businessmodell an sich.

und das beste: ob deine charity idee aus dem leerschaufeln der sahara oder oder dem einbetonieren des leutschenbach besteht, egal, es wird niemand blöde fragen stellen.

darum geh ich jetzt wieder echolote eichen.
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1. September 2006

Evelyne Binsack: Expedition ins Nichts


Klar, es kann jeder tun und lassen was er will. Oder was sie will. Evelyne Binsack z.B. fährt mit dem Velo zum Südpol. 28'000 Kilometer. Heute startet sie – mit einer Pressekonferenz auf dem Grimselpass. Von dort radelt die erfolgreiche Bergsteigerin dann Richtung Frankreich und weil der Mont Blanc gerade auf dem Weg liegt, will sie den auch noch schnell "machen". Eine Reise ins Nichts?

Von der Grimselpasshöhe aus radelt Frau Binsack dann nach der Pressekonferenz weiter durch Frankreich, Spanien und Portugal nach Marocco. Von dort lässt sie sich nach Louisiana fliegen, strampelt durch Texas nach Mexico und weiter durch Mittelamerika bis nach Panama. Um Kolumbien macht sie aber per Schiff einen Bogen, denn im Reich des Medellinkartells ist es ihr zu gefährlich. Wäre es uns ehrlich gesagt auch. Weiter geht's dann durch Peru und Chile bis ganz runter, wo mit der Antarktis der wohl grösste Murcks dieser Reise auf sie wartet. Auf ihrer Homepage heisst es dazu:
"In Punta Arenas wird Evelyne Binsack per Flugzeug auf den Rand der Antarktis gelangen (ca. Mitte November 2007). Von Patriot Hills aus geht es dem Südpol entgegen. Diesen will Evelyne Binsack nun ohne Aussenunterstützung mit Ski und zu Fuss mit dem Schlitten erreichen. Distanz ca. 1100 Kilometer. Erwartete Marschlänge: 60 Tage (Ankunft am Südpol ca. Mitte Januar 2008). Ein Flugzeug holt Evelyne Binsack am Südpol ab und fliegt sie zurück nach Patriot Hills und von dort nach Punta Arenas. Ankunft in der Schweiz ca. Ende Januar 2008."

Die Expedition – ein Fake als Businessmodell
Früher waren Bergsteiger noch Bergsteiger. Bodenständig, naturverbunden, bescheiden. Profibergsteiger waren Bergführer. Sie warteten in Zermatt oder Grindelwald auf Kundschaft, konnten Fondue kochen, waren glatti Cheibe und integre Persönlichkeiten. Dann wurden aus den Profibergsteigern Extrembergsteiger. Da heute jeder Versicherungsvertreter mit der Besteigung des Mount Everest seinem ereignislosen und durchorgansierten Leben eine Prise Thrill einhauchen kann, sind die profesionellen Extrembergsteiger heute zwecks Abrenzung zu den Hobbykletterern zu sog. Abenteurern mutiert. Ihre Trips nennen sie grossspurig Expeditionen. Aber nicht überall, wo Expedition drauf steht, ist auch eine drin.
Die Bedeutung der Wörter entlarvt auch den binsackschen Event als das was er ist: ein Fake, resp. nichts weiter als ein Businessmodell. Denn: Unter dem Wort Expedition versteht man gemeinhin eine Forschungsreise. Aber was bitte schön will die Frau Binsack zwischen Grimselpass und Südpol erforschen? Die gesamte Strecke, die sie da zurücklegen will, ist bereits hinlänglich erkundet, gut 95% davon ist hochentwickelte Zivilisation und mit tollen Strtassen bestückt. Selbst die Strecke zwischen Patriot Hills am Rande der Antarktis und dem eigentlichen Südpol ist bestens kartographiert und man kennt sogar die ungefähre Anzahl von Eisbären, die da rumlungern.
Auch wenn Frau Binsack von der Durchquerung des antarktischen Erdteils "ohne Aussenunterstützung" redet ist das nur die halbe Wahrheit. Sie wird sehr wohl ihr Satellitenhandy dabei haben und bei irgendwelchen Unpässlichkeiten den nächstbesten Heli anfordern, sich ausfliegen klassen, in Punta Arenas im besten Hotel absteigen und von dort aus eine Videopressekonferenz aus dem Whirlpool geben.
Abenteuer? Hach! Da verdient dieser junge Mann hier den weitaus grösseren Respekt. Er wandert ohne Sponsoren, ohne Handy und ohne logistischen Background von Zürich nach Moskau. Und er ist auch ohne Berater so clever, ein sehr lesenswertes und spannendes Blog über seine Reise zu führen. Bei Frau Binsack gibts nur einen Newsletter. Dabei, Frau Binsack, gäbe es doch so schöne Moblog-Gadgets, mit denen man auch von der entlegendsten Eisscholle aus noch einen spektakulären Blogeintrag posten könnte.

Das Zauberwort: Charity
Klar, dass ein solches Unternehmen sehr viel Geld kostet. Wer zahlt das alles? Genau: die Sponsoren. Die da sind: Zwei Consultingfirmen, die die Opel-Botschafterin nach ihrer Reise wohl mit exklusiven Motivationsvorträgen beehren wird. Dann ist da Transa, laut Eigenwerbung "die führende Anbieterin für Travel- und Outdoor-Ausrüstung in der Schweiz", also ein Shop für alle, die ohne Thermounterwäsche selbst eine beschauliche Wanderung auf den Weissenstein kategorisch ablehnen. Dann ist da Sony mit im Schlitten. Sony? Aber klar doch. Was wäre ein solcher Höllentrip ohne Videos und Fotos. Man muss ja auch ans Post-Trip-Business denken, an all die Vorträge und exklusiven Bilder (Frau Binsack bei minus 40 Grad mit dem Gesicht voller Erfrierungspickel) für die Bücher und DVDs und Dokus und Vorträge etcpp.
Nun, dann sind da noch Gönner und Spender erwähnt: "Privatpersonen und Firmen können als Gönner mitmachen und haben die Möglichkeit, den gemeinnützigen Teil Der Weg zum Pol mit einer Spende zu unterstützen." Den gemeinnützigen Teil? Klar, braucht doch jeder. Auch Boris Becker spendet zehn Euro an die Aidshilfe, wenn er seine Putuzfrau vögelt. So hat auch Evelyne Binsack für ihren Trip einen sogenannten "Official Charity Partner": Die SOS-Kinderdörfer.
Hhm. Charitiy? Wieviel genau bekommen die SOS-Kinderdörfer? Wieviel ist das in Relation zu den Gesamtkosten?
Billig ist ja so ein Reisli nicht. Easy Jet muss man sich da abschminken. Und es soll ja danach auch kräftig Umsatz gebolzt werden. So hat Frau Binsack denn zeitweilig "auf den interessantesten Teilstücken ein professionelles Film-/Fototeam" mit dabei. Und dort, wo normale Kameraleute die Segel streichen "hat sie eine kompakte Foto- und Videoausrüstung mit im Gepäck, um so Expedition Antarctica auch visuell und audiovisuell lückenlos zu dokumentieren." Geplant sind ferner "ein Dokumentarfilm, eine DVD/CD, ein Buch, eine Foto-Wanderausstellung und eine Live-Multivision inkl. Tournee." Das ganze Rösslispiel also.
Wieviel also wird für die SOS-Kinderdörfer rausspringen? Immerhin wird dieser Charity-Part in allen Medien an erster Stelle erwähnt, er ist sozusagen das Feigenblatt vor dem hocherigierten Businesspenis. Denn eine bessere Begründung als die Charity-Masche hat Frau Binsack genauso wenig wie die meisten anderen derartigen Events.
Auf die Frage "Steht hinter Expedition Antarctica auch ein soziales Anliegen?" antwortet sie auf ihrer Homepage lapidar und nichtssagend: "Sagen wir es so: Als Mitglied einer Gesellschaft, die einen sehr hohen Lebensstandard geniesst, möchte ich unterwegs auch die Gelegenheit wahrnehmen, mit spontaner Direkthilfe Not lindern oder mit der Unterstützung von Bildungsprojekten Perspektiven schaffen zu helfen. Innerhalb von Expedition Antarctica gibt es den Projektteil Der Weg zum Pol, der diesen gemeinnützigen Gedanken aufnimmt."

Gemeinnützigkeit als Bauernfängerei
Aha. Den Gedanken von Direkthilfe aufnehmen. Interessant. Wird sie also unterwegs den Eskimos ein paar Dollars, die sie locker aus ihrem Hightech-Carbon-Velosattel klaubt, verteilen? Mitnichten! Auf ihrer Website steht zwar nichts konkretes, aber die BZ erwähnt heute, dass sie in Nicaragua ein Familienhaus aufmachen will, ein "Refugium zur Aufnahme mittelloser Familien".
Liebe Frau Binsack: Wer ein Land der dritten Welt ernsthaft und mit offenen Augen bereist hat (oder diese Infos hier genau studiert) weiss, dass man dort eine solche Institution mit weniger als 5'000 Dollar aufmachen und mit ein paar hundert USD auf Jahre hinaus finanzieren kann. Das ist in Relation zum gefühlten Gesamtbudget Ihres Höllentrips ein Klacks und somit weit weniger wohltätig als Sie vorgeben. Ein in einem Nebensatz erwähntes Familiehaus in Nicaragu ist gar nix wert, Frau Binsack. Ausser der Gewissheit natürlich, dass alle Medien diese scheinheilige Wohltat noch so gerne als Aufhänger verwenden. No business like showbusiness.
Überhaupt, dieser dienstlächelnde Charityschmonzens. Er ist eine Beleidigung für jedes echte Wohltätertum. Aber wer nicht offen und nachvollziehbar seine Zahlen auf den Tisch legt, ist kein Wohltäter, sondern ein Wohlverdiener. Konkret: Das Projekt von Evelyne Binsack dürfte alles in allem einen Umsatz von sagen wir einer Million Franken generieren. Immerhin ist sie und ihr Projektmanager damit geschätzte drei Jahre beschäftigt und man darf davon ausgehen, dass die beiden gut abkassieren möchten und dass Filmcrews, Buchgestalter und andere Dienstleister ebenfalls gutes Geld kosten werden. Also sind wir eher bei eineinhalb Millionen? Egal: In einer solchen Dimension ist ein Charityprojekt in Nicaragua auch in der Höhe von 50'000 Dollar ein Hohn. Sowas machen anständige Unternehmer ohne grossen Presserummel.
Die ethisch releavante Frage lautet: Wieviel Prozent eines Projekts, das sich mit einem karitativen Hintergrund dekoriert, muss gemeinnützig abgeführt werden, um es auch tatsächlich als ein Charity-Projekt bezeichnen zu dürfen? 5%? 10? 50%? Es gibt keine allgemein verbindliche Regel dafür. Ausser die der Transparenz. Davon hat's auf der binsackschen Homepage im Bezug auf die karitiativen Ausschüttungen so gut wie keine.

Schwachsinnige Sinnsuche
Auch sonst ist auf dieser umfangreichen Homepage nix Tiefsinniges zu finden. Im Gegenteil, sie strotzt vor Platitüden. Denn man fragt sich ja am Rande auch nach dem Sinn solcher Reisen, mal abgesehen vom reinen Businessziel. Denn der gemeine Mammut- und Transa-Kunde, also der Outdoorsportler per se, ist ja auf dem Weg zum Uetliberg immer auch auf einer Art Sinnsuche. Dessen ist sich Frau Binsack durchaus bewusst und so beantwortet sie auf ihrer Homepage in einem sog. Interview auch entsprechende Fragen. Leider hat sie es versäumt, dafür einen versierten Ghostwriter anzuheuern und gibt nur puren Schwachsinn von sich. Hier drei Müsterchen:
• Zur Frage, wie sie sich motiviere: "Auf eine Idee, wie ich sie mit Expedition Antarctica ausgeheckt habe, kommt man doch nur, wenn sich die Motivationsfrage gar nicht stellen muss (lacht herzhaft). "
• Zur Frage, was ihr wichtiger sei, der Weg oder das Ziel:
"Beide Teile der Expedition sind untrennbar miteinander verbunden. Nicht erst das Eintreffen am geographischen Ziel, sondern der lange Weg dorthin und die Erfahrungen unterwegs werden meinem Unterfangen einen Sinn geben. Eine Vorgabe ist sicher, dass ich das mir gesteckte Ziel erreichen will."
• Zur Frage, wie sie über Risiken denkt:
"Die Risikobereitschaft gewisser Abenteurer grenzt ans Selbstmörderische. Das kann ich selber nicht nachvollziehen. Das Leben ist mir kostbar. Meine Devise ist, dass man sich in Situationen, die man als riskant und gefährlich erkennt, besser defensiv verhält."
An anderer Stelle gibt sie in Bezug auf das gemeinnützige Anliegen ihres Projekts noch diesen Käse zum Besten: "Dank dem Beizug von Experten werden beispielsweise während der Expedition auf dieser Website Links zu fundierten Informationen über Geographie, Klimatologie und Polarforschung zur Verfügung gestellt." Links – aha. Meinen Sie Internet-Links, Frau Binsack? Dann können Sie sich ihre Reise sparen, ich hab die wichtigsten Links schnell gegoogelt: Greenpeace, Antarktis, Polarforschung, WWF, Amundsen-Scott South Pole Station - South Pole Live Camera, Linksammlung von GEO, Eisberg-Fotogalerie, Pinguine. Und hier noch ein ganz wichtiger Internetzlink für Sie persönlich, Frau Bin$ack: Doppelmoral.

Alle fallen drauf rein – warum?
Interessant finden wir auch die Frage, was sich die Sponsoren von einer solchen Aktion wirklich versprechen. Haben sie sich von einer aufgeblasenen Publicitywolke blenden lassen? Oder erwarten sie tatsächlich einen positiven Imagetransfer auf ihre Marken? Und wenn ja mit welcher Begründung? Wir werden sie fragen, die Sponsoren.
Und Frau Binsack werden wir fragen: Wieviel Geld fliesst im Zusammenhang mit ihrem Arktistrip in karitative Projekte und wieviel Prozent des Umsatzes ist das?
Und die Presse möchte man – einmal mehr – fragen, warum sie über solch unsägliche Events dermassen unkritisch berichtet. Warum fragt da keiner dieser Oldschoolreporter, warum Frau Binsack sowas tut, was der Sinn ist, wo die gesellschaftliche Relevanz dafür zu finden ist und wieviel Geld hier tatsächlich karitativ verwendet wird?

Moral von der Geschicht
Frau Binsack hat so einen geilen Job (gehabt). Sie hat seit 1987 die schwierigsten Wände bestiegen, sie hat diverse erste Frauenbegehungen bewältigt, sie hat sich von schlecht bezahlten Sherpas den Sauerstoff auf den Mount Everest tragen lassen, aber sie war immerhin die erste Schweizer Frau, die es auf diesen Hoger geschafft hat. Sie hat die Lizenz zum Helifliegen, sie ist Skiinstruktorin (formerly knows as Schilehrer) und sie war 1999 die einzige bergsteigende Frau in der spektakulären Fernsehsendung "Eiger Nordwand Live" und gehört seither zur Schweizer A-Promi-Liga.
Warum also muss nun dieser Höllentrip zur Antarktis auch noch sein? Sie könnte die bestbezhalte Bergführerin im Berner Oberland sein, ab und an eine Talkshow dekorieren, hin und wieder einen Helieinsatz fliegen. Sie könnte sich angesichts ihrer Prominenz und ihrer alpinistischen Kompetenz ihre Kundschaft auswählen und sich unverschämt hoch bezahlen lassen. Sie könnte sogar für den darbenden Tourismus im Berner Oberland etwas nachhaltiges bewegen. Und, und, und ...
Aber sie will mehr. Ruhm und Ehre? Als erste Frau, die auf einem 5'000er-Pass in den Anden an ihrem Hightechvelo einen Platten selber geflickt hat, in die Geschichte eingehen? Noch mehr Kohle machen? Ich verwette meinen Nebenblog, dass ihr das nicht gelingen wird. Dafür ist ihr Projekt zu öd, mit solcherart Kraftmeierei hat noch keiner Karriere gemacht. Die Welt ist zu voll von diesen schreienden und dennoch sinnentleerten Events. Und letztlich bleiben doch nur die in der Erinnerung der Menschen haften, die ohne Selbstzweck und bar jeder Profilneurose eine einfache, aber ehrliche Geschichte erzählen.

Einen weiteren Beitrag zu einem ähnlichem Thema in diesem Blog findest du hier.

Update 2.9.06: Expedition Gotthard

23. Dezember 2011

#jrz hack von heinz de specht



das ganze charity gedöns geht mir schon lange und immer wieder gegen den strich. so sehr, dass ich hier zu #jrz gar nicht gross was sagen will.

"heinz de specht" hat mit diesem lied fast alles gesagt, was ich auch sagen würde. und erst noch in der höhle des charity löwen. toller medienhack, sehr geile aktion.

PS: man hört ja aus gut unterrichteten quellen immer wieder, das sich einige wenige bekannte künstler und bands jeweils in die ferien abmelden, um bei #jrz nicht auftreten zu müssen. da finde ich den ansatz von "heinz de specht" doch weitaus zweinulliger.

aber henusode: no business like show business.
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2. September 2006

Expedition Gotthard

Wir haben ein Konzept für ein neues und aufsehenerregendes Projekt. Wie jede gute Idee muss auch diese in einem Satz zu beschreiben sein: Wir kaufen uns nächste Woche einen Ferrari 365 GTB-4 Daytona und fahren damit 100 mal rückwärts über den Gotthard. Über die Tremola, wohlverstanden. Soweit die noch intakt ist. Das wird super. Das hat noch keiner gemacht. Ist eine totale Ausdauer- und Willensleistung.
Wir nennen das Event (oder sagt man der Event?) Expedition Gotthard.
Damit das Ganze auch noch einen seriösen und ernsthaften Touch erhält, haben wir uns einen Charity-Partner geangelt, den wir mit dieser Aktion unterstützen: Die VSF. Die Strassenopferhilfe Zürich.

Jeder Franken zählt
Jeder Franken geht auf das Konto dieser Institution. Also, ähm, jeder Spendenfranken. Wir rufen nämlich im Rahmen dieses Events zu Spenden für Strassenopfer auf. Weil man ja in unserem Alter (ab 40) Verantwortung übernehmen soll. Irgendwann ist einfach fertig mit diesem banalen Geradeausfahren mit dem Ferrari. Auch über Pässe. Man muss mal endlich an die Opfer denken! Hier ist das Postcheckkonto: 87-42210-6.
Dann haben wir natürlich auch Sponsoren. Die Verträge sind zwar noch nicht unter Dach und Fach, aber wir stellen uns das so vor: 5 - 10 knackige Consultingfirmen, denen wir dann am Ende des Events in Workshops und Motivationsseminaren etwas über das Rückwärtsfahren über den Gotthard vorflöten. Als Supplierpartner (Ausrüster) nehmen wir Nokia (Mobloggadgets), Pirelli (Pneus und Kalender), Tuttifrutti (Zwischenverpflegung), Locher-Bier (Doping), OPEC (Gratisbenzin), Marquard Media (Boxenluder) und EMS-Chemie (Schmiermittel) dazu. Als Sponsoren wären Air Berlin, Easy Jet und Ryan Air lässig. Das Patronat übernimmt Flavio Briattore. Die Logistik Ross Brawn (Strategieguru).

Bugsierer wird glücklich
Die Pressekonferenz machen wir in der Schöllenenschlucht. Dort hats einen grossen Parkplatz und ein nettes Beizli für die Gemüsesuppe. Den Ferrari stellen wir fotogen auf die alte Teufelsbrücke. Den Journis wird der Bugsierer sagen: "Ich brauche meine Aktivitäten, um ein glücklicher Mensch zu sein.“ Die Original-Pressemitteilung kann sich die Journaille dann hier runterladen. Schon Stunden später werden die Onlinemedien titeln: Bugsierer mit Ferrari 100 x rückwärts über den Gotthard für einen guten Zweck. Super. Genau so soll es sein. Charity wirkt immer. Man muss nur darüber sprechen. Gebetsmühlenartig. Nie aufgeben. Ausdauer haben. Yes. Hat der Ferrari auch, die alte Kiste.
Anschliessend machen wir ein Buch, eine DVD, eine TV-Doku-Serie, eine Multivisionsshow (inkl. Tournee CH/D/A) und der Bugsierer tritt in diversen Talkshows (Schmidt, Letterman etc.) auf. Dort wird der Bugsierer Sätze wie diesen in die Welt tragen: „Expedition Gotthard bietet mir ein ganz neuartiges, extrem vielseitiges Experimentierfeld, um meine rationalen, emotionalen und intuitiven Fähigkeiten weiter zu schulen und anzuwenden. Ich bin neugierig, was mich da oben auf dem Gotthard alles erwartet.“ Auf die entsprechende Gegenfrage von Harald Schmidt werden wir uns gebührend coachen lassen. Nur Profis hier in diesem Zirkus.

Das Bugsierer-Bett in Altdorf
Mit den gesammelten Spendengeldern werden wir im Kantonsspital Altdorf das Bugsierer-Bett installieren (feierlich). Für alle, die auf der Tremola von dänischen Touristen über den Haufen gekarrt werden oder mit dem 1'000er-Sugi von fribourgischen Sonntagsfahrern (mit Hut) von der Serpentine gedrängt werden. Diese Spendenaktion organisieren wir so: Mit jedem Pirellipneu, jedem Ferrari oder jedem Aschenbecher, der auf der Website mittels Mausclick virtuell auf das neu zu bauende Bugsierer-Bett gezogen wird und zwischen 10 und 50 Franken kostet, wächst das Bett um den entsprechenden Betrag. Super, gell. Im Übrigen wird die Spendenaktion auch in allen Impressümern der Bücher, DVDs und den Abspännen der Dokufilmreihe erscheinen. Sollte schon was zusammenkommen so. Wenn nicht fragt eh keine Sau. Die Journis sind froh, wenn sie die Originalpressemiteilung als Zweitverwertung copypasten können und das Publikum interessiert sich eh nur für den roten Ferrari und die Boxenluder. Da Ueli Heiniger soeben pensioniert wurde, ist auch vom Dsischtigsclub keine kritische Masse zu befürchten. Also alles easy. Wo geht's hier zum nächsten Ferraridealer?

Natürlich ist dieses Konzept zu 100% im Internetz geklaut (Wo? Na hier.) und für des Bugsierers Vorlieben (Ferarri 365 GTB, heisse Bienen, Gotthard, Grotto Ticinesi, Veltliner etcpp) adaptiert worden. Eine kritische Originalanalyse zum Originalkonzept befindet sich weiter unten in diesem Original-Blog. Alle Inhhalte stehen unter einer kreativen Kontent Lizenz.

18. Januar 2010

zynisch: tennisprofis spenden peanuts


das problem an der aktuellen charityhektik in sachen haiti ist das alte: niemand fragt genau nach, alle finden alles toll.

roger federer hat am australien open innert 24 stunden ein charityevent mit allerlei stars organisiert. rafael nadal, novak djokovic, andy roddick, lleyton hewitt, serena williams und etliche andere spitzenspieler machten spontan mit.

es kamen 15'000 leute ins stadion, weitere 5'000 aufs gelände. nicht schlecht. da müsste eigentlich eine kleine einstellige millionensumme zusammenkommen, denkt man sich.

immerhin werden an diesem turnier 15'000'000 dollar an preisgeldern ausbezahlt und die zuschauer gehören weitgehend zur upper class, die an einem solchen charity anlass locker zwei- dreihundert dollar oder mehr ausgeben könnten.

aber weit gefehlt, es kamen nur 200'000 dollar zusammen. die zuschauer, so die nzz, hätten alle 10 dollar gespendet und weiter heisst es:

Alles passte, und als sich am Ende abzeichnete, dass die Aktion inklusive zusätzlicher Spenden von ATP, WTA, der Organisation der Grand-Slam-Turniere, Tennis Australia und von diversen Spielern rund 200 000 Dollar eingebracht hatte, war der Initiator zufrieden.

von dem gut situierten publikum dürften also nur ganz wenige einen huni oder mehr in die spendenbüchse gelegt haben. oder es hatte unter den vielen gästen ganz viele, die gar nichts zahlten. oder die veranstalter haben einfach die sammlung total verschlampt. jedenfalls ist ein 10-dollar-schnitt für ein so exklusives und einmaliges event doch etwas sehr mickrig.

das muss man sich mal auf der zunge zergehen lassen: die reichsten sportler der welt, von denen wohl ein dutzend anwesend war, brachten neben den 150'000 der zuschauer gerade mal 50'000 mäuse zusammen – inkl. ihrer ebenso reichen verbände. das sind 0.33% des ausgeschütteten preisgelds von 15'000'000 dollar. das ist nichts.

um die relationen ins rechte licht zu rücken:

roger federer hat bisher 53 mio. an preisgeldern verdient, sein vermögen wird auf derzeit 200 mio. dollar geschätzt. den williams schwestern wird ein vermögen von 300 mio. dollar nachgesagt. macht zusammen eine halbe milliarde vermögen.

raphael nadal spielte 27 mio. dollar ein und lleyton hewitt gegen 20 mio. dollar. rechnen wir deren nebeneinkünfte mit dem gleichen faktor wie bei federer, dürften die beiden herren ebenfalls etwa 200 millionen schwer sein.

mit den restlichen anwesenden spielern dürfte also gegen eine millarde vermögen auf diesem famosen charitytennisplatz versammelt gewesen sein.

da sind 200'000 dollar für haiti wahrhaftig nur das gewisse nichts.

für dieses "nichts" haben die schwerreichen jungs weltweit beste presse. billiger geht imagepflege nicht mehr. und zynischer auch nicht.

dass die leitmedien diesen zynismus auch noch mittragen und dabei null kritische fragen stellen, ist leider auch nichts neues. sobald jemand mit dem charityfähnchen wedelt, fehlt bei denen jegliche kritische distanz.

+ + + + +

update 08.02.2010: inzwischen hat man in melbourne abgerechnet, es sind 600'000$ zusammengekommen. federer selbst hat an diesem turnier 2 mio. franken verdient.
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