10. Juli 2011

sonntagspresse: kulturbünde als pr-schleudern

seit jahren ärgere ich mich jeden sonntag über die kulturteile der schweizer sonntagspresse. sie kommen daher, als ob es in der schweiz keine kulturschaffenden und keine kulturszene gäbe. keine musiker, keine autoren, keine schauspieler, keine institutionen, kein gar nichts. 

heute allerdings war die ausbeute eher überdurchschnittlich – dank einem ganzseitgen stück in der NZZaS über die neuesten finanz-irrungen rund um die ifpi. wobei das ja genaugenommen mit kultur auch nicht mehr viel zu tun hat, sondern eher mit showbiz und wirtschaftskriminalität, das ding könnte ebensogut im wirtschaftsteil stehen. und dereinst in der abteilung gerichtsreportagen.

aber sonst?

hier eine kurze übersicht über die inhalte der kulturbünde in den sonntagszeitungen von heute:

NZZ am Sonntag
- aufschlagseite: grosses stück (1.3 seiten) über eine georgische pianistin, die demnächst am verbier festival auftritt.
- 0.7 seiten über den “erfolgreichsten Frauenfilm aller Zeiten” namens “Bridesmaids”, produziert in hollywood, ab 21.7. in den schweizer kinos.
- 0.5 seiten das oben erwähnte ifpi-stück von herr friedli.
- 0.7 seiten über eine ausstellung mit pressefotografien von 1957 bis heute aus schaffhausen (museum zu allerheiligen).
- 2 seiten “in kürze”, die tipps der redaktion. anteil schweizer kulturschaffen: 20% (z.b. liedermatinée im opernhaus zürich, swisspressfoto im landesmuseum, karls kühne gassenschau, etc.)


Der Sonntag
- aufschlagseite (plus 1/3 seite eine seite später): der neue harry potter film.
- 1/2 seite buchbesprechung, über ein geschichtsbuch mit dem titel “Berns moderne Zeit. Das 19. und 20. Jahrhundert neu entdeckt”. (592 seiten, 98.-)
- 3/4 seite interview mit dem intendanten des verbier festivals, ein brite glaubs, vorwiegend über den musikmarkt, einen neuen saal in verbier, das business (“ich kenne alle plattenproduzenten”), usw. nix über musik, eigentlich...
- 1 seite tipps, null schweizer kultur dabei. auf der gleichen seite noch ein dumpfbackeninterview mit der intendantin des davos festivals (“worüber haben sie sich das letzte mal richtig gefreut”, “was ist für sie die fragen aller fragen”, etc.)


Sonntags Zeitung
- aufschlagseite: harry potter
- nächste seite: harry potter
- 2/3 seite über einen us-startänzer, der gerade am theater 11 in zürich was macht.
- 1/3 seite buchbesprechung für den us-buchautor gary s.
- eine halbe seite interview mit marianne faithfull über ihren auftritt im dracula club st. moritz (ein jammer, dass die gute gerade in diesem schuppen auftritt). plus eine seite weiter hinten ⅓ seite inserat für dieses festival.
- eine randspalte “schlaglicht”. themen: menuhin festival gstaad, julian assange (kultur?), klagenfurt (linus reichlin, ein schweizer).
- kulturtipps haben sie hier auch: ⅓ seite mit grossem bild für die “unschuld vom land”, einer ausstellung im kunstmuseum bern mit dem wiederentdeckten symbolisten ernst b. (1863-1948).
- ⅕ seite kolummne von herr lerf. über autostopp und wie es früher war.


kurz und gut: da steht nichts, was wirklich etwas mit der aktuellen und real existierenden schweizer kulurszene zu tun hat. die kulturbünde dieser drei sonntagszeitungen sind eine einzige pr-schleuder für hollywood, für exklusive klassik-festivals, für industriell hochgezogene grossevents, garniert mit empfehlungen für verstaubte bücher und elitäre schnickschnacksausen. der anteil an relevanter kulturberichterstattung tendiert gegen null. 


die sonntagszeitungen tun so, als würde das schweizer kulturleben ausschliesslich von hollywood, einigen grossverlagen und einigen industriell abgewickelten grossereignissen bestehen. sie ignorieren quasi alles, was hierzuande an kultur produziert, ausprobiert und an vielen orten mit viel esprit über jahrzehnte am laufen gehalten wird. 


die sonntagszeitungen behandeln die schweizer kultur, in die immerhin sehr viel öffentliches geld und viel persönlicher einsatz von heerscharen aktiver kulturtäter investiert wird, als gäbe es sie nicht. 


die kulturbünde der schweizer sonntagspresse sind nichts als billige pr-strecken, die mit möglichst wenig aufwand hergestellt werden. auf dass die seiten voll werden, als aufhübschung fürs fersehprogramm und als deko für die inserateseiten.


ein jammer. ein journalistischer. ein kultureller.

+ + + + +

update 1 (15.072011): ich habe inzwischen begriffen, warum das interview mit marianne faithfull in der SoZ stand – die SonntagsZeitung ist an diesem festival "main partner". zusammen mit BSI (eine bank) und dem Kulm Hotel St. Moritz.
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Kommentare:

  1. Leider kein neues Phänonem: Die AZ hat auf der Front vor einiger Zeit den Kulturbund angeteast und der Aufhänger war – Schluck – Mel Gibson's neuer Film.

    Wer Gibson als Kulturschaffenden einordnet, hat zuhause sicher auch eine Göla-CD...

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  2. Dass Klassik und Bücher keine relevante Kultur sein sollen, ist eine abgehobene, realitätsferne und selbstverliebte Meinung. Das ist ein geradezu widerliches Troll-Posting. Wer seinen Frust so austeilt, sollte sich vielleicht zuerst einmal Gedanken darüber machen, ob er nicht irgendetwas fundamental missverstanden hat...

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