25. August 2010

ein leben mit allen medien

nzz-medienredaktor rainer stadler hat darüber sinniert, dass blogs die massenmedien nicht ersetzen könnten (was auch nie jamand behauptet hat). als beispiel nennt der den fall burtscher. erst der tagi habe jüngst die nötige öffentlichkeit geschaffen, obwohl schon im januar im infamy blog darüber berichtet worden sei. sein fazit:
Ich-Buden im Internet schaffen keine relevante Öffentlichkeit. Dazu braucht es die guten alten Kanäle.
stimmt. ist aber nur die halbe wahrheit. bei infamy gibt es seit jahren etliche geschichten, die man eigentlich in den guten alten kanälen lesen möchte. mit anderen worten: die schurnis in der schweiz schauen einfach nicht hin. oder sie schauen zwar hin, dürfen dann aber nicht.

als zweites beispiel fügt er die veröffentlichung von x-tausend heissen afghanistan-dokumenten bei wikileaks an. seine these ist die gleiche wie die unzähliger anderen journalisten: ohne die zusammenarbeit mit spiegel, nyt & co. hätte diese veröffentlichung nicht so viel aufmerksamkeit erreicht. woher er das weiss, lässt er offen. tatsache ist, dass die veröffentlichung dieses videos – 2 monate vorher – auch ohne die alten kanäle eine sehr grosse öffentlichkeit erreicht hatte.

in herr stadlers analyse fehlt mir etwas die tiefe. wikileaks kann man nicht auf diese weltweit aufsehen erregenden afghanistan-dokumente reduzieren. in wikileaks wurden z.b. kürzlich auch eine grosse anzahl dokumente zum fall duisburg veröffentlicht. dokumente, die ohne wikileaks nicht öffentlich wären. für die direkt betroffenen (eltern, freunde der opfer, etc.) und die menschen in duisburg ist das sehr wichtig, nicht zuletzt darum, weil die “alten kanäle” schon längst am abarbeiten des nächsten oder übernächsten aufregers sind.

dass “ich-buden” keine relevante öffentlichkeit schaffen, ist auch nur die halbe wahrheit. immerhin war es genau so eine “ich-bude”, die den rücktritt von köhler ausgelöst hatte. yes – das war in deutschland. und wer sich dort in der medienlandschaft ein wenig umsieht, wird auf etliche beispiele treffen, in denen blogs durchaus etwas bewirken. tendenz stark steigend.

ganz zu schweigen von den usa. dort haben blogs einen viel höheren stellenwert als in good old europe. dort haben sich blogs etabliert, die in der politischen diskussion durchaus etwas zu sagen haben. tendenz steigend.

klar, dass das in der schweiz noch etwas dauert. die deutschschweiz zählt gerade mal 4,9 mio. menschen. das ist etwa gleich klein wie der grossraum münchen. kommt dazu, dass hier nicht nur die mediale entwicklung immer etwas im hingerlig ist. auch sf.tv bringt die ganz doofen formate immer erst jahre nach den anderen ;-)
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Kommentare:

  1. Du sagst es nicht nur ausführlicher, sondern musstest damit nicht auch noch warten, bis man sich bei der NZZ Deine Replik freizuschalten bequemt. Mache ich nächstes Mal auch so. Widerspricht allerdings Stadlers Einsicht.

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  2. hihi, habs mir noch überlegt, ob ich mich durch das anmeldedings wühlen soll. dachte dann, dass das sicher bald einfacher wird, wenn @phogenkamp dann mal fahrt aufgenommen hat ;-)

    den zirkelbezug muss ich mir merken.

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  3. «...dass blogs die massenmedien nicht ersetzen könnten... was auch nie jamand behauptet hat»:

    Doch, sicher hats jemand behauptet, immer wieder, zuletzt Ronnie Grob im Rebell Teevau: «Bloggründungen sind die neuen Zeitungsgründungen.»

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  4. @bobby: damit hat er aber nicht behauptet, dass blogs die neuen massenmedien werden. obwohl dies in den usa mit der huffington post auf gesellschaftspolitischer ebene bereits gelungen ist. zudem gibt es etliche bereiche, in denen blogs bereits mehr reichweite haben als die alten kanäle (z.b. techszene, startupszene, astronomie, etc.)

    im übrigen hast du die metaphorik hinter ronnies aussage nicht begriffen und interpretierst sie gebetsmühlenhaft falsch. selbst wenn er es so gemeint hätte, wie du dauernd behauptest, dann wäre es immer noch nur eine stimme, und diese eine stimme machst du einfach zur allgemeinen auffassung der blogger. das ist unseriös.

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  5. «infamy» ist für mich Öffentlichkeit, die NZZ eher nicht – die Wahrscheinlich ist nämlich viel grösser, dass ich auf einen Text bei «infamy» aufmerksam werde …

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